Es geschieht selten: von der Musik so überrascht zu werden, dass man glaubt, der Kunst beim Leben zuzuschauen. Üblicherweise ist das Gemälde gehängt, die Literatur gedruckt, der Film gedreht, die Musik gespeichert, neunzig Prozent unseres Kulturkonsums besteht aus Konservenkunst. Umso größer der Schock, einer Frau gegenüberzusitzen, die so sehr in sich gekehrt ihre Geige nach außen spielt, die so selbstverständlich ihr Instrument behandelt, als spreche sie tagelang nur mit ihm und mache nun ihre Beziehung öffentlich.

Gunda Gottschalk, 1968 geboren, hat in Wuppertal studiert und ist dort beheimatet, bewegt sich zwischen Neuer Musik und Improvisation, mit Klängen, die dem Bürger den Hut vom Kopf blasen, die es nicht auf CD geben dürfte, da es deren Wesen widerspricht. Welch ein Glück, dass es sie gibt. Wassermonde nennt sie ihre Solo-Inventionen auf Geige und Bratsche, von "Wegmarkierungen" spricht der Begleittext, von einer "akustischen Spur", die wieder zum Leben zurückführen soll, oder, wie das Diktum von Viktor Globokar über improvisierte Musik lautet: Einmal hören und dann vernichten (elephant 002, Wuppertal/post@free-elephant.de).

Man sollte vorsichtig mit diesen 17 Solostücken umgehen, mit diesen Inventionen und Intermezzi, die mehr sind als gefrorene Zeit. Zwischen dem notwendig Exhibitionistischen und dem allzu Intimen von improvisierter Musik hält Gunda Gottschalk die Waage: Immer klingt etwas Melodiöses, ja Volksliedhaftes durch, immer wirkt das minimalistisch Repetitive wie ein Ruhepunkt, aus dem das Geräusch hervorbricht und wieder darin versinkt. Es ist ihr klassisches Formbewusstsein, das den Ausbruch bändigt und den schönen Ton fordert, es ist ihre unglaubliche Energie, die über die formalen Sprechakte hinausführt. Aus der Zartheit löst sich ein wildes Stakkato, das leidenschaftliche Schaben findet behutsam zur vertrauten Tonfigur zurück.

Manchmal wächst ihr Singen aus den Tönen der Geige heraus, verwandeln sich monotone Halbtonschritte in Klagerufe, wenn nötig, bearbeitet sie ihr Instrument, reißt die Saiten, schlägt mit der Spitze des Bogen gegen den Lack-Korpus, manchmal scheint es, als tauchten die Töne aus dem Material auf, wie Dampf das Wasser verlässt. Ein Aggregatzustand geht in den anderen über.

In Peter Kowalds Buch 365 Tage am Ort notiert sie: "die kraft des wassers immer in die gleiche kerbe, damit sich allmählich etwas löst. - vielleicht wäre der fels eines tages zerbrochen, aufgesplittert, mit großem krawall in die fluten eingegangen -. Gut, die Unmöglichkeit als Möglichkeit gesehen zu haben." So spielt sie: behutsam, beharrlich, unmöglich, mit Kraft für den kleinsten Klang.