Es ist Nacht in Maschhad. Die Gläubigen strömen zum heiligen Schrein Imam Rezas, und in der weiten Vorstadt setzt sich ein junger Mann eine Heroinspritze.

Es ist Tag in Qom. Die Geistlichen in den theologischen Seminaren beugen sich über den Koran, und im Krankenhaus stirbt ein Kranker an Aids.

Es ist Mittag in Teheran. In der Moschee hält ein Geistlicher sein Gebet, und in einem Park erfriert ein Junge, ausgezehrt von den Drogen und zu schwach, um den Winter unter freiem Himmel zu überleben.

Nein, die Islamische Republik Iran ist der heutigen Welt nicht entrückt, nicht ihren Versuchungen und nicht ihren Verheerungen. Sie hat nicht das Paradies auf Erden erschaffen – und ihre Bewohner wissen das.

In diesen Tagen, kurz vor den Parlamentswahlen, ist ein heftiger Kampf im Gange zwischen Konservativen und Reformern. Es geht um Demokratie, um Macht, Einfluss, und es geht darum, wie der Anschluss an die Moderne zu schaffen sei. Warum also nicht danach fragen, wie dieses Land mit einer Plage der modernen Welt umgeht? Aus den Antworten lässt sich etwas lernen über die Politik in Iran, darüber, ob sie reagieren kann auf gesellschaftliche Probleme, ob sie flexibel genug ist, sie zu meistern.

Die Behörden schätzen die Anzahl von Drogensüchtigen auf zwei Millionen. 300000 von ihnen sollen an der Nadel hängen, bei einer Gesamtbevölkerung von 67 Millionen. Lange Zeit machte die Regierung für die Suchtkranken und die Folgeerscheinungen wie Aids das Ausland verantwortlich – ob den dekadenten Westen oder das Drogenexportland Afghanistan. Richtig ist, dass bis Mitte der neunziger Jahre das Böse ausschließlich von außen kam. In den neunziger Jahren waren verseuchte Blutkonserven in den Iran importiert worden. Das stützte die Position der Regierung. Abschottung vom verderblichen Einfluss – das schien die einfache Lösung für ein Regime, für das Isolation ohnehin Teil der Staatsräson war.

Die Islamische Republik ging ihrem autoritären Selbstverständnis entsprechend seit jeher mit großer Entschlossenheit gegen Drogenschmuggel vor. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Zwischen 1998 und 2002 kamen bei rund 6000 bewaffneten Zwischenfällen mit Drogenschmugglern insgesamt 669 Polizisten und Soldaten ums Leben. Die iranische Regierung sieht diesen Blutzoll auch als ein Opfer an, das sie im Dienst der internationalen Gemeinschaft bringt. "Iran ist ein Frontstaat in Sachen Drogenbekämpfung", sagt Giorgio Mizitelli, Leiter der UN-Mission zur Bekämpfung von Drogen und Kriminalität (Unodc) in Teheran. Immerhin ist das Nachbarland Afghanistan mehr als zwei Jahre nach der Befreiung von den Taliban mit 85 Prozent der weltweiten Produktion wieder zum führenden Opiumexporteur geworden. Eine der Hauptrouten führt über den Iran in die Türkei. Über den Balkan gelangt der Stoff schließlich in Europa. Die iranische Regierung erwartet internationale Hilfe. Aus gutem Grund, denn es besteht der dringende Verdacht, dass Terrororganisationen wie al-Qaida sich mit dem Drogenschmuggel finanzieren.