Um ihr zerstörtes Land auch wissenschaftlich wieder aufzubauen, reiste im vergangenen November eine Gruppe irakischer Forscher zur Royal Society nach Großbritannien. Ziel der Informationstour: Die Iraker wollten lernen, wie man eine nationale Wissenschaftsakademie organisiert, um damit der Forschung im eigenen Land mehr Einfluss zu verschaffen. Die Chancen stehen gut, dass der Irak bald den Deutschen vormacht, wie man damit zum Ziel kommt.

Denn in Deutschland wird seit mehr als zehn Jahren über die Gründung einer Nationalakademie diskutiert – und aller Voraussicht nach werden die deutschen Wissenschaftsorganisationen in dieser Debatte auch weiterhin vor allem eines demonstrieren: ihr massiv ausgeprägtes Eigeninteresse, das eine sinnvolle Einigung der deutschen Wissenschaft bis heute erfolgreich verhindert.

Zwar hat soeben der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratungsgremium der Wissenschaftspolitik in Deutschland, einen solchen Zusammenschluss gefordert, indem er seine "Empfehlungen zur Errichtung einer Nationalen Akademie in Deutschland" aussprach. Doch die Empfehlungen illustrieren leider genau das Problem, das sie eigentlich beheben sollen. Denn das Papier, Ergebnis eines äußerst zähen, zweijährigen Verhandlungsprozesses, spiegelt am Ende vor allem den Dissens aller Beteiligten wider. So wurde die Einigung im 64-köpfigen Wissenschaftsrat nur dadurch möglich, dass man bewusst auf jede Konkretisierung verzichtete. Eine bereits vorliegende detaillierte Projektskizze wurde bei den abschließenden Beratungen kurzerhand in den Papierkorb geworfen und durch wenige konsenstaugliche Formulierungen ersetzt. So hat man sich wieder einmal geeinigt, ohne sich zu einigen – ein hart erarbeiteter Stillstand, der wohl typisch ist für das deutsche "Jahr der Innovationen".

Dabei liegt das Problem klar auf der Hand: Anders als in vielen anderen Ländern gibt es in Deutschland keine Institution, die die gesamte Wissenschaft gegenüber Politik und Öffentlichkeit vertreten könnte. Stattdessen herrscht eine Kakofonie der Meinungen, oft parteiisch gefärbt und widersprüchlich, die meist nur die Ansichten einzelner Organisationen oder Forscher zum Ausdruck bringen und damit ohne Autorität und Wirkung bleiben.

Wem würde man zum Beispiel eine unvoreingenommene Auskunft über das wissenschaftliche Potenzial der Stammzellforschung zutrauen? Der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)? Ist befangen, weil sie selbst diese Art der Forschung fördert. Dem Nationalen Ethikrat? Ist von Schröder persönlich berufen. Der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages? Spiegelt vor allem den politischen Diskurs, nicht jedoch die wissenschaftliche Einschätzung wider. Ähnliches gilt für nahezu alle strittigen Themen, von der Nanotechnologie bis zur grünen Gentechnik: Unabhängiger Rat ist in Deutschland teuer.

Da helfen auch die neuerdings so beliebten Innovations-, Bildungs- und sonstigen Räte nicht weiter – denn deren Zusammensetzung sagt zwar viel über das politische Interesse aus, das sie ins Leben gerufen hat, aber wenig über den Kenntnisstand der Wissenschaft. Kaum hat ein solches Expertenteam sein Votum abgegeben, darf man getrost auf die nächste Kommission warten, die das Gegenteil rät.

Über die öffentliche Verwirrung und die fehlende Vertretung ihrer ureigenen Belange führen deutsche Wissenschaftler gern bewegte Klage. Über Abhilfe denken sie jedoch kaum nach. Im Gegenteil, sie scheinen sich in jenem Kleingartenverein, dem die hiesige Wissenschaftslandschaft gleicht, geradezu wohlzufühlen. "Die Kakofonie ist Prinzip einer Wissenschaft in einem freien Land, das Meinungs- und Pressefreiheit hochhält", sagt etwa Ernst-Ludwig Winnacker, Chef der DFG und einer der einflussreichsten Wissenschaftsmanager in Deutschland.

Und so kümmert sich jede Wissenschaftsorganisation hingebungsvoll um ihr eigenes Schrebergärtlein. Stolz präsentiert die Max-Planck-Gesellschaft ihr Gütlein, auf dem die Grundlagenforschung schöne Blüten treibt. Pragmatisch zum Spaten greift die Fraunhofer-Gesellschaft, die Auftraggebern aus der Industrie das Feld bestellt. Schön abgegrenzt davon saniert die Helmholtz-Gemeinschaft ihre Rabatten und päppelt statt der Kernforschung neuerdings Großprojekte zur Umwelt- und Gesundheitsforschung. Im Leibniz-Garten wiederum versammelt sich der bunte Rest – Forschungsinstitute aus der ehemaligen DDR ebenso wie das Deutsche Museum. In einer verwahrlosten Parzelle jammern die Universitäten, die mit immer weniger Geld immer mehr Studenten ausbilden sollen. Ganz eigenes Gelände beackert die Ressortforschung im Dienst der Ministerien. Und mittendrin, im Vereinsheim, residiert die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die in wissenschaftlicher Selbstverwaltung Geld verteilt. Doch ein Vereinsleben findet nicht statt.