Das Urteil des Kasseler Schwurgerichts vom vergangenen Freitag beschließt nur den ersten Akt eines makabren Stücks. Es ertönten Buhs und Pfiffe, auch Beifall in den Medien, noch während sich der Vorhang senkte. Uneins auch die Experten aus Kriminalwissenschaften und Praxis – das Meinungsspektrum reicht von Entrüstung bis Zustimmung. Der zweite Akt wird vor dem Bundesgerichtshof folgen. Weitere Akte sind möglich. Wenn die Karlsruher Richter der staatsanwaltschaftlichen Revision stattgeben, ist mit erneuter Verhandlung vor einem anderen Schwurgericht zu rechnen. Womöglich wird, sollte der Kannibale irgendwann wegen Mordes rechtskräftig zu "lebenslänglich" verurteilt werden, am Ende sogar das Bundesverfassungsgericht befasst. Das Fragen wird also noch lange Zeit weitergehen.

I.

Erste Frage: War es Mord? So Anklage und Eröffnungsbeschluss. Oder Totschlag? So das Urteil. Oder Tötung auf Verlangen? So die Verteidigung. "Wir bewegen uns im Grenzbereich des Strafrechts, da Erfahrungswerte fehlen", sagte der Vorsitzende Richter Mütze. Wie wahr. Erschwerend kommt freilich hinzu, dass der Gesetzgeber die überfällige Neuordnung der Systematik von Tötungsdelikten seit Jahrzehnten vor sich herschiebt. Das jetzige System baut auf Relikten der Tätertypenlehre aus der NS-Zeit auf ("der Mörder", "der Totschläger"). Längst wissen wir jedoch, dass Mörder so sein können wie du und ich. Auch über den Kannibalen hieß es: "ein Gentleman der alten Schule", "der nette Mann von nebenan" und so weiter. Normaler Alltag eben. Es hat sich auch als unhaltbar erwiesen, kategorial zwischen Totschlag und Mord ("ein Verbrechen sui generis") zu unterscheiden. Außerdem hat das Bundesverfassungsgericht unser Verständnis von der lebenslänglichen Freiheitsstrafe durch das Prinzip Hoffnung verändert: Niemand darf endgültig ausgegrenzt werden. Das unterscheidet unser Recht vom angelsächsischen, welches dem Gericht erlaubt, "lebenslänglich" absolut, also ohne Abkürzungschance zu verhängen. Außerdem wurde vom Verfassungsgericht die Zwangsläufigkeit dieser schwersten Strafe beim Vorliegen von Mordmerkmalen relativiert: Lediglich die wirklich gravierendsten Fälle von Tötungs-Unrecht dürfen die Höchststrafe nach sich ziehen.

Am ehesten herrschte Einigkeit auf der Kasseler Richterbank und unter den beobachtenden Wissenschaftlern darüber, das grausige Geschehen nicht auf der untersten Stufe der Unrechtsskala zu orten: "Tötung auf Verlangen" mit Strafe bis zu fünf Jahren. Als Verteidigungsstrategie war diese Wertung zwar verständlich, aber ihr standen Fakten entgegen. Der Täter handelte nicht aus Barmherzigkeit, also allein im Interesse des Partners und um ihn zu erlösen, wie es bei echter Sterbehilfe geschieht. Er handelte egoistisch, nicht altruistisch. 60 Suchanzeigen hatte er in das Internet gestellt. In einer reziprok-pervers-sadistisch-masochistischen Symbiose suchten und fanden sich wechselseitig Täter und Opfer, Tötungsbereiter und Todesbereiter. Jeder befriedigte eigene abnorme Sehnsüchte. Archaisch mutet dabei das Motiv von Armin Meiwes an, den etwa gleichaltrigen Bernd Brandes im Verzehren endgültig an sich zu binden, mit ihm eins zu werden, Macht über ihn auszuüben und seine Eigenschaften zu erwerben.

Kontrovers beurteilt wird dagegen die Einordnung der Tat als Mord. Das von Staatsanwalt Marcus Köhler im Sinne des Paragrafen 211, Absatz2 StGB angenommene Mordmerkmal des Tötens, um eine andere Straftat – Störung der Totenruhe – zu ermöglichen, konnte noch am eindeutigsten verneint werden. Der Täter übte nicht "beschimpfenden Unfug" an der Leiche. Dem Wesen der Wünsche beider entsprach ja gerade das Verstümmeln, Töten, Schlachten und völlige Beseitigen durch Verzehr. So verrückt dies erscheint: Es war eine Art Vollstreckung des letzten Willens von Brandes, nicht dessen Verhöhnung.

Schwieriger sind die anderen Mordmerkmale nach Paragraf 211 StGB zu beurteilen. Angreifbar in der Revision erscheint der Ausschluss des Tötens "zur Befriedigung des Geschlechtstriebs". Meiwes tötete zwar sehr ungern, empfand dabei sexuell auch nichts, vielmehr nur im Schlachten, Zerlegen und Verzehren der Leiche und im späteren Ansehen des Videomitschnitts. Aber das steht der Annahme eines solchen Motivs für das Gesamtgeschehen nicht unbedingt im Wege.

Überzeugender konnte das Gericht "niedrige Beweggründe" verneinen. Dieser Begriff des Strafgesetzbuches bezeichnet Motive, die sittlich auf niederster Stufe stehen und in der Diktion der Rechtsprechung als "verächtlich" bezeichnet werden. Sie degradieren absolut den Rechtswert des Lebens. Hier gilt erneut das Gesagte: Das Geschehen war einverständliches, beiderseits gewünschtes, ja ersehntes Handeln, die wechselseitige Erfüllung des Gewollten und Vereinbarten. Rechtswidrig und verwerflich ja, aber nicht auf niedrigster Stufe. Das kann man natürlich auch anders sehen, über solche Fragen ließe sich lange streiten.

Doch auch unabhängig vom möglichen Vorliegen eines konkreten Mordmerkmals nach Paragraf 211 StGB hätte das Gericht in einer Gesamtbewertung – der Rechtsprechung des Verfassungsgerichts von 1977 folgend – zum selben Ergebnis kommen können. Das wäre die eigentlich mutige neue Auslegung gewesen. Eine "im Hinblick auf den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz gebotene restriktive Auslegung" des Mordstraftatbestandes lässt hier nämlich eine Zuordnung zum mittleren Bereich zwischen Mord und Tötung auf Verlangen angemessen erscheinen. Das wäre dann Totschlag mit Freiheitsstrafe von fünf bis fünfzehn Jahren – was ja letztlich, im Ergebnis, auch der Bewertung des Gerichts entsprach. Unter Strafrechtlern ist dies umstritten, und richtig ist sicherlich, dass über die Wertung justiziell und wissenschaftlich noch gerungen werden muss.