Dennis J. Fixler sollte wissen, wie es wirklich um die Wirtschaft steht. Schließlich ist er der Chefstatistiker des Bureau of Economic Analysis (BEA), der volkswirtschaftlichen Abteilung des US-Handelsministeriums. In dieser Position ist er verantwortlich für die offiziellen US-Konjunkturdaten. Nach seinen neuesten Zahlen richten sich die Finanzmärkte der ganzen Welt. So wie am 30. Oktober 2003: Um 7,2 Prozent sei die US-Wirtschaft im dritten Quartal gewachsen, erklärte das Handelsministerium. Drei Wochen später legte Fixler überarbeitete Wachstumszahlen vor. Man habe sich geirrt, das Wachstum betrage sogar 8,2 Prozent. Die Börsianer jubelten, die Aktienkurse stiegen auf allen Kontinenten, und die Bush-Regierung, seit langem wegen ihrer Wirtschaftspolitik kritisiert, freute sich. Diesseits des Atlantiks wurden die US-Zahlen mit Staunen aufgenommen.

Solche Wachstumswerte erreichen sonst nur so genannte Schwellenländer. Chinas Bruttoinlandsprodukt steigt derzeit um jährlich acht Prozent; damit galt das Land bisher als Wachstumsweltmeister. Vor diesem Hintergrund wirkten die Wachstumszahlen aus den USA suspekt. Wäre es möglich, dass sich Fixler und seine Kollegen verrechnet haben? Nein; falsch sind ihre Berechnungen nicht. Aber mit den deutschen Wachstumswerten nicht vergleichbar, denn US-Statistiker arbeiten anders als ihre deutschen Kollegen.

Die amerikanische Volkswirtschaft scheint ungleich dynamischer als die deutsche. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist laut Statistik im dritten Quartal des vergangenen Jahres um gerade mal 0,2 Prozent gewachsen. Kümmerlich wirkt dieser Wert im Vergleich mit den amerikanischen 8,2 Prozent. Aber ganz so kümmerlich dann doch nicht, denn die Statistik lässt den Unterschied größer erscheinen, als er ist.

Deutsche schauen zurück, Amerikaner nach vorn

Beim Zusammenzählen arbeiten die Statistiker in Washington so wie die in Berlin: Im dortigen Bundeswirtschaftministerium ist Albert Caspers für die Konjunkturanalysen und -prognosen zuständig. Caspers und seine Kollegen rechnen jedes Quartal aus, wie viel Geld die privaten Haushalte, die Firmen und der Staat ausgeben. Dazu addieren sie den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die im Inland produziert und anschließend im Ausland verkauft wurden. Den Wert der im Ausland produzierten und im Inland verkauften Güter ziehen sie ab. Mit dieser Rechnung erhalten sie das BIP – die Höhe der im Inland erzeugten Werte. Fixler und seine Kollegen in Washington verfahren genauso, aber mit den so gewonnenen Zahlen arbeiten sie anders als die Statistiker in Berlin.

Mr. Fixler schaut nach vorn, Herr Caspers zurück. Und beide sehen unterschiedliche Dinge, wenn sie den gleichen Sachverhalt betrachten. Das amerikanische BIP wuchs nämlich vom zweiten zum dritten Quartal nur um zwei Prozent. Nun ist Zurückblicken zwar gut und schön, wirklich interessiert aber die Zukunft. Darum annualisieren Fixler und seine Kollegen das Quartalswachstum von zwei Prozent, das heißt, sie berechnen das Wachstum für ein ganzes Jahr, basierend auf dem Quartalswachstum. Dabei kamen im Oktober die bekannten 8,2 Prozent heraus. Diese Zahl gibt an, wie die US-Wirtschaft innerhalb eines Jahres wachsen würde, falls das Wachstumstempo des betrachteten Quartals ein ganzes Jahr lang anhielte. Allein diese Hochrechnung schafft es in die Zeitungen und ins Fernsehen, nur sie wird von der amerikanischen Öffentlichkeit wahrgenommen.

Caspers hält die amerikanische Betrachtungsweise für durchaus sinnvoll, wenn eine Volkswirtschaft gleichmäßig wächst. Denn schließlich interessiere das Jahreswachstum mehr als das Quartalswachstum. Aber in Quartalen mit besonders hohen Ausschlägen nach oben oder unten entstehen durch die Fortschreibung der Quartalsraten stark verzerrte Wachstumsraten. Im dritten Quartal beispielsweise haben die amerikanischen Haushalte dem Konsum besonders hemmungslos gefrönt, verantwortlich dafür war eine Steuererleichterung der Regierung. Allein dieser Anstieg des privaten Konsums war für 5,6 Prozent Wachstum verantwortlich. Daher hält Norbert Braems, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung bei der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim, auch wenig von der annualisierten Rechnung in solchen Quartalen: "Die Annahme, dass diese Veränderung in den folgenden Quartalen fortgeschrieben wird, ist unsinnig."

Auch bei der Betrachtung des Arbeitsmarktes steht Amerika im Vergleich zur Bundesrepublik glänzend da. Die US-Arbeitslosenquote im November 2003 betrug 5,9 Prozent, während die Sozialsysteme in Deutschland mit einer fast doppelt so hohen Rate von 10,5 Prozent kämpften. Unterschiede in Statistik und gesellschaftlicher Struktur führen allerdings zu US-Zahlen, die mit den deutschen genauso wenig vergleichbar sind wie die Zahlen zum Wirtschaftswachstum. Denn zur Feststellung der Arbeitslosenzahlen werden in beiden Ländern ebenfalls ganz unterschiedliche Methoden verwandt.