Der Zentralrat der Juden steigt pünktlich zum Auschwitz-Gedenktag aus der Stiftung Sächsische Gedenkstätten aus. Darauf zieht die CDU-Bundestagsfraktion eilig ihren Antrag zur Neuordnung der Gedenkenstätten des Bundes zurück, in dem jene sächsische Stiftung als Modell "für ein würdiges Gedenken aller Opfer der beiden deutschen Diktaturen" genannt wird. Willkommen im nächstkleineren Historikerstreit?

Die sächsische Landesregierung bemüht sich spät um Deeskalation. Der Ministerpräsident Georg Milbradt hat sich beim Zentralrat dafür entschuldigt, dass die mehrmalige Bitte Salomon Korns, des Zentralratsvizepräsidenten, um ein Gespräch über das sächsische Stiftungsgesetz nicht beantwortet wurde. Es geht aber um mehr als Taktfragen: Korn sieht in dem Gesetz einen Versuch zur "Analogisierung" von NS-Verbrechen mit den Verbrechen des Stalinismus und der Staatssicherheit. Die Stiftungsmittel, so die Kritik, werden ungleich verteilt, die europäische Dimension des Holocaust werde mit der nationalen Dimension des DDR-Unrechts auf eine Stufe gestellt, die NS-Opferverbände drohen im Stiftungsbeirat von den Opfern der Nachkriegszeit majorisiert zu werden. Weil das sächsische Gesetz im Antrag der CDU-Fraktion als Muster für eine neue bundesweite Gedenkstättenkonzeption empfohlen wird, sah Korn sich genötigt, auch ein bundespolitisches Signal setzen.

Günter Nooke, Kulturpolitiker der CDU-Bundestagsfraktion und Initiator des Antrags, verwahrt sich gegen den Verdacht, er wolle Nationalsozialismus und SED-Herrschaft gleichsetzen oder gar die Singularität des Holocaust anzweifeln: "Bautzen ist nicht Auschwitz. Und trotzdem ist Bautzen als Synonym für die Verbrechen der SED-Herrschaft Teil unseres nationalen Bewusstseins." Nooke, der Exbürgerrechtler, ist kein zweiter Hohmann. Aber er hat auch nicht viel aus der unerfreulichen Debatte um den Fraktionskollegen gelernt. Die Kritik an seinem Antrag ist nicht bloß üble Nachrede. In den ersten drei Absätzen des Textes ist gleich fünfmal summarisch von den "beiden Diktaturen" die Rede. Besonderes Gewicht legt der Text auf die historischen Orte, "die von beiden Diktaturen zur Unterdrückung von Opposition und Widerstand genutzt wurden". An den Orten – man soll hier wohl exemplarisch an die KZs Sachsenhausen und Buchenwald denken – sei "der Zusammenhang zwischen den Diktaturen ohnehin evident".

Es sind solche gezielt schwammigen Formulierungen, die Salomon Korn aufbringen. Von einer "doppelten Vergangenheit" zu sprechen und nicht etwa von einer vielschichtigen, impliziere entgegen allen Beteuerungen eben doch eine Identität des Schreckens – in den Worten von Jean Améry ein "summarisches Jahrhundert der Barbarei".

Wer die Begründung zum Gesetzesantrag liest, wird Korns Besorgnis verstehen. Dort rücken die beiden Diktaturen zuweilen sehr eng zusammen: Die SED-Herrschaft ist "auch ein direktes Ergebnis der unmittelbar vorausgegangenen NS-Herrschaft… Der Widerstand gegen diese Diktaturen war mit unzähligen Opfern verbunden". Immer wieder ist von "offenkundigen Zusammenhängen" die Rede oder von dem "unmittelbaren Zusammenhang von NS- und kommunistischer Herrschaft als Bestandteile unserer Nationalgeschichte". Es müsse aber leider "im Jahr 2003 festgestellt werden, dass dem Gedenken an die Opfer der beiden Diktaturen ausgesprochen unterschiedlich Rechnung getragen wird".

Das ist der Kern der Sache: Es geht um mehr öffentliche Anerkennung für die Opfer der SED-Diktatur. Günter Nooke hält die Verniedlichung der DDR im Zuge der Ostalgie-Welle zu Recht für unerträglich. Es wurmt den früheren Aktivisten des kirchlichen Widerstands in der DDR, wie das systematische Unrecht unterm Kommunismus als regionale Angelegenheit der neuen Länder abgetan wird, während hellere Momente wie die Revolution von 1989 und nun auch der 17. Juni 1953 nur allzu gern von der bundesdeutschen Gedenkkultur beerbt werden. Darum plädiert er dafür, die SED-Diktatur endlich als "Bestandteil der gemeinsamen deutschen Nationalgeschichte" zu begreifen.

Dieses Plädoyer wäre allerdings glaubwürdiger und wirksamer, wenn es ohne "Waagschalen-Mentalität" (Korn) auskäme. Müssen wir das nationale Gedenken austarieren mit den NS-Opfern in der einen, den Opfern des Kommunismus in der anderen Schale? Es ist durchaus etwas daran, dass man in Deutschland, in Westdeutschland zumal, den Opfern der SED-Herrschaft lange nicht die gebotene Anerkennung hat zukommen lassen. Rührt das aber daher, dass man sich zu viel mit der Ermordung der Juden beschäftigt hat? Gleicht das historische Gedächtnis einer Nation einem Nullsummenspiel, in dem der eine nur gewinnen kann, was der andere verliert? Der Antrag der Union suggeriert eine solche Dynamik. Die Trägheit des Herzens gegenüber dem Leid hinter der Mauer kann man anprangern, ohne in beleidigtem Ton zu beklagen, dass "im Mittelpunkt einer nationalen Erinnerungskultur lediglich die Zeit des Nationalsozialismus" steht.

Man hätte das enorme Verletzungspotenzial solcher unsinniger Aufrechnerei erahnen und uns eine weitere hässliche und nutzlose Debatte ersparen können.