Niesen, Husten, Gliederreißen, Kopf- und Augenschmerzen, vielleicht auch Fieber – und schon kommt die Angst: Gärt dort die Allergie, eine Lungenentzündung, Influenza A oder B, Malaria, Denguefieber, Sars oder gar die Hühnergrippe? Gegen solche Irritationen kennt der Mediziner eine Formel: Das Seltene ist selten, und das Häufige ist häufig. Wahrscheinlich steckt eben doch nur ein Schnupfenkeim im Nasen-Rachen-Raum. Umso erstaunlicher, dass unter weit mehr als einer Milliarde Asiaten just die Hand voll Menschen entdeckt wurde, bei der die Ursache der Abgeschlagenheit nicht ein Schnupfen, sondern die Hühnergrippe war.

Noch vor zwei Jahrzehnten dauerte es Jahre, bis HIV entdeckt und ernst genommen wurde. Heute wird der Alarmknopf schneller gedrückt. In erhöhtem Erregungszustand warten die amerikanischen Seuchenkontrollbehörde, die WHO und die lokalen Gesundheitsbehörden auf den Infektfall. Blitzartig reagierte dieses weltweite System zum Beispiel auf Sars. Eine gespannte Aufmerksamkeit hat sich ausgebreitet, die unter anderem eine Folge des 11. Septembers 2001 und der Milzbrandattacken ist. So hatte der Terror eine nützliche Nebenwirkung. Denn etwas mehr Aufmerksamkeit wäre schon länger angesagt gewesen. Mutierte Influenza-Viren, eingeschleppte Urwaldkeime oder andere Tierseuchen bedrohen die Menschheit seit langem, und große Hühnerfabriken stehen nicht erst seit gestern in China, Thailand und Vietnam.

Wer aber wie die Behörden die möglichen Gefahren benennt, handelt sich ein anderes Problem ein: die Panik. Kaum kehrt eine Hamburger Touristin hustend aus Asien zurück, schon rufen gewisse Zeitungen in Riesenlettern die Hühnergrippe aus. Doomsday ist angebrochen – wie passend, dass gleichzeitig im Internet MyDoom kreist. Erst töten die Computerviren die Infrastruktur und dann die chinesischen Hühner die User.

Wahrscheinlicher ist indes, dass sowohl MyDoom als auch die Hühnergrippe vorübergehen, ohne dass der GAU der Pandemie eintritt. Die neun Milliarden chinesischen Hühner laufen bereits so lange herum (siehe Seite 29), dass die Infektion vermutlich schon häufiger eingetreten ist – nur hat das bisher niemand bemerkt. Aber es gehört eben zur Berufspflicht der Ämter und Infektiologen, vorsichtig zu sein. Es möchte sich später niemand vorwerfen lassen, angesichts einer Jahrhundertseuche abgewiegelt zu haben. Harro Albrecht