die zeit: Herr Bundeskanzler, Sie fordern, dass Deutschland innovativer wird. Wie kommt diese Botschaft bei den potenziellen SPD-Wählern an?

Gerhard Schröder: Gegenwärtig nicht so, wie ich es mir wünschen würde. Alles wird überlagert von der Vorstellung, dass dieses Land in Bedrängnis kommt, weil man zehn Euro im Quartal beim Arzt abliefern soll. Als wenn das die Schicksalsfrage der Nation wäre.

zeit: Welche wäre es stattdessen?

Schröder: Dass es sich eine Wissensgesellschaft nicht leisten kann, ihr Bildungspotenzial nicht auszuschöpfen. Wir müssen jede einzelne Begabung fördern und fordern.

zeit: Wie war das denn in Ihrer eigenen Biografie? Wann wurde Ihnen bewusst: Ich muss mich selbst um Bildung bemühen?

Schröder: Da war sicherlich der Wille, aus sehr beengten sozialen Verhältnissen herauszukommen. Den Ausschlag zur eigenen Weiterbildung gab dann eine 24-bändige Weltgeschichte aus dem Bertelsmann-Buchclub, die habe ich noch. Mit 17 Jahren hatte ich sie gekauft und durchgelesen. Später habe ich Biografien gelesen. Meine schulische Weiterbildung begann in Göttingen: Ich war Angestellter in einer Baubeschlagsfirma. Eines Tages erfuhr ich in einer Skatrunde vom Göttinger Institut für Erziehung und Unterricht. In dieser Abendschule konnte man mittlere Reife und Abitur nachmachen. Ich hab mir die Adresse auf einen Bierdeckel geschrieben und den in die Manteltasche gesteckt. Das war im Frühjahr, am nächsten Tag war es warm, und ich hängte den Mantel in den Schrank. Im folgenden Winter holte ich ihn wieder hervor und fand den Bierdeckel mit der Adresse. Am Tag danach habe ich mich für die mittlere Reife angemeldet. Später folgten das Abitur und das Jurastudium.

zeit: Ein klassisches Beispiel für nichtsystematische Elitenbildung.