Kein Streik ohne Ritual. Rote Fahnen wehen im Nachtwind, Fackeln tauchen die Szenerie vor dem Werkstor in unruhiges Licht. Dann ergreift der Betriebsratsvorsitzende das Wort. Willi Sattler. Er schimpft über das Angebot der Arbeitgeber – läppische 1,2 Prozent – und erntet das erwartete Echo der Trillerpfeifen. Nach einer halben Stunde in klirrender Kälte ist der Protest vorbei, etwa 170 Mitarbeiter der Nachtschicht im Augsburger Lampenwerk von Osram trotten zurück an ihre Glasschmelzen. Drinnen hat eine Notbesetzung aufgepasst, dass die Feuer nicht ausgehen. Alles Routine also beim jährlichen Streit um Tarifprozente?

Nicht ganz. Die schrillsten Pfiffe in dieser Warnstreik-Nacht gelten nicht dem Lohnangebot, sondern dem damit verbundenen "Junktim" der Arbeitgeber. Künftig sollen die Betriebe zur 40-Stunden-Woche zurückkehren dürfen – und zwar ohne Lohnausgleich. "Wenn das kommt", warnt Betriebsrat Sattler seine fröstelnden Kollegen, "dann fällt bei uns jeder achte Arbeitsplatz weg." Von 1050 Mitarbeitern müssten 130 gehen, rechnet er vor, wenn alle fünf Stunden mehr arbeiten. Und wer bleibt, müsse eine Kürzung des Stundenlohns um 12,5 Prozent hinnehmen, weil ja die Mehrarbeit nicht bezahlt werde.

Die Botschaft ist klar: In diesem Tarifstreit geht es nicht um ein paar Prozente mehr, sondern um die Abwehr drastischer Einsparungen. Es gilt, längst erkämpfte Errungenschaften zu verteidigen. Der DGB spricht von einer "Konterrevolution auf leisen Sohlen".

Ausgerechnet die 35-Stunden-Woche, für die vor allem die IG Metall erbittert gekämpft hat, steht zur Disposition. Gleichzeitig soll der Flächentarifvertrag aufgebrochen werden. Denn nach den Vorstellungen des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall würden sich künftig Betriebsrat und Geschäftsführung allein über bezahlte oder unbezahlte Mehrarbeit verständigen – ohne dass es einer Zustimmung der Tarifparteien bedürfte. Für den DGB heißt das: "Die Arbeitgeber wollen ihr Erpressungspotenzial gegenüber den Beschäftigten erhöhen."

Viele Gewerkschafter glauben, dass die Unternehmen die vermeintliche Schwäche der IG Metall nach dem verlorenen Streik im Osten zum Gegenangriff nutzen möchten. "Diese Niederlage hat natürlich Begehrlichkeiten geweckt", sagt Wolfgang Nieke, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei DaimlerChrysler in Untertürkheim. Aber es sei ein Irrtum zu glauben, die Streikfähigkeit sei geschwächt. Ein Kollege habe zu ihm gesagt: "Bei dem Streik im Osten ist manches falsch gelaufen. Aber wenn die IG Metall baden geht, dann gehen wir alle baden."

Laut IG Metall haben sich schon mehr als 100000 Menschen an den Warnstreiks beteiligt, die seit vergangener Woche laufen. Oft sind es nur kurze Protestpausen wie bei Osram, die nicht auf schmerzhafte Produktionsausfälle zielen, sondern vor allem eines signalisieren sollen: Kampfbereitschaft. Doch über Sieg oder Niederlage der IG Metall wird nicht allein die Stärke ihres Trillerpfeifen-Heeres entscheiden. Eine wichtige Rolle spielt, das hat der gescheiterte Streik im Osten gezeigt, die öffentliche Unterstützung. Und da droht den Gewerkschaftsfunktionären einmal mehr, dass sie als Bremser dastehen. Als Blockierer flexibler Arbeitszeitmodelle, als Ideologen eines vorgeschriebenen 35-Stunden-Glücks, als Apparatschiks, die ihre Macht über starre Flächentarife definieren. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sieht die IG Metall schon in ihrem "letzten Gefecht für die Dogmen von gestern".

Die Gewerkschafter halten dagegen, die Tarifverträge erlaubten bereits viel flexiblere Arbeitszeiten, als es häufig dargestellt werde. Tatsächlich gilt die 35-Stunden-Woche in vielen Betrieben nur noch als Rechengröße. Oft schwankt die Arbeitszeit je nach Auslastung zwischen 30 und 45 Stunden. Bei DaimlerChrysler in Untertürkheim arbeitet ein Großteil der Beschäftigten in der Produktion regelmäßig 40 Stunden. Davon sind 35 bezahlt, 5 Stunden werden auf Zeitkonten gutgeschrieben. Diese Mehrarbeit wird durch Freizeit ausgeglichen – innerhalb einer Zwei-Jahres-Frist. Gut ein Viertel der Produktionsmitarbeiter geht darüber hinaus auch an Samstagen ins Werk, soweit es die Auftragslage erfordert – und kommt so auf eine 48-Stunden-Woche. Dafür gibt es dann Zuschläge, aber keinerlei Pflicht zum zeitlichen Ausgleich. Solche flexiblen Modelle sind kein Einzelfall. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2002 verfügen 55 Prozent der Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie über Arbeitszeitkonten.

Für einen Teil der Belegschaft lässt der Tarifvertrag sogar zu, dass er auf Dauer 40-Stunden-Verträge abschließt. Bis zu 18 Prozent der Mitarbeiter können das vereinbaren; die IG Metall hat signalisiert, dass sich über diese Grenze reden ließe. Für Betriebe in Not gibt es außerdem spezielle Tarife zur Beschäftigungssicherung, die unbezahlte Mehrarbeit zulassen. Und auch ohne drohenden Konkurs können über Ergänzungstarifverträge Sonderregeln vereinbart werden. Ein Beispiel ist der Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf im schwäbischen Ditzingen. Dort gilt trotz florierender Geschäfte seit Jahren ein Sondertarif, der pro Mitarbeiter 70 Stunden unbezahlte Mehrarbeit im Jahr vorsieht. Bisher hängte die IG Metall solche Extravereinbarungen ungern an die große Glocke, jetzt veröffentlichte sie die Zahlen: Bei 1141 von insgesamt 5704 Mitgliedsbetrieben von Gesamtmetall gilt bereits ein Ergänzungstarifvertrag. Der Flächentarifvertrag hat demnach schon weit mehr Löcher, als bislang vermutet.