Eine schnell alternde Weisheit im neuen Irak lautet: Wenn die USA nur zügig die Macht an die Iraker übergeben, dann wird alles besser. Die Terroranschläge vom vorigen Wochenende scheinen diese Erkenntnis zu untermauern. Am Sonntag ereignete sich das schwerste Attentat im Irak seit dem US-Einmarsch: In der mehrheitlich von Kurden bewohnten Großstadt Erbil zündeten Selbstmordattentäter in den Büros der kurdischen Parteien KDP und PUK ihre Sprengstoffgürtel. Die Explosionen zerrissen kurdische Politiker und Bürger. Die Zahl der Toten stieg bis Dienstag auf knapp 70.

Ein Anschlag auf die Kurden und ihre politische Spitze? Auf den ersten Blick passt da alles zusammen. Die Kurden waren Verbündete der Amerikaner im Krieg gegen Saddam Hussein. Die Kurden sind die treuesten Partner der US-Truppen. Sie geben ein Modell ab für einen friedlichen Irak an der langen amerikanischen Leine. Deshalb wollten die Terroristen mit den Kurden die Amerikaner treffen. Das ist die erste Antwort.

Doch wer sich mit ihr zufrieden gibt, könnte eine zweite, bei weitem beunruhigendere Antwort übersehen. Es sollte die Kurden treffen, weil sie Kurden sind. Weil sie seit 1991 in einer Quasi-Autonomie jenseits von Bagdad lebten. Weil sie im Gegensatz zu arabischen Sunniten und Schiiten längst ein Parlament haben. Weil ihr stiller Wunsch nach Unabhängigkeit wie ein Tubastoß in den Ohren der Araber klingt. Noch ist nicht klar, wer die Attentäter von Erbil auf ihre letzte Reise geschickt hat. Waren es arabische Terroristen? Waren es die islamistischen Kämpfer von Ansar-e Islam, die auf verschlungenen Wegen mit al-Qaida verkehren sollen? Eindeutig ist nur das Ergebnis: Zum ersten Mal haben Terroristen im Irak eine ethnische Gruppe samt ihrer politischen Führung getroffen.

Der Anschlag zeichnet damit die Umrisse einer möglichen zweiten Front im Irak. An der ersten stehen weiter irakische Partisanen/Terroristen gegen amerikanische Soldaten. An der zweiten kämpfen Iraker gegen Iraker. Wie das aussehen könnte, war zu Neujahr in Kirkuk zu besichtigen, der irakischsten aller Städte, weil sie a) auf Öl gebaut ist und b) viele Völker beherbergt. In Kirkuk demonstrierten Turkmenen und sunnitische Araber gegen die Kurden und deren Forderung, dem Irak eine föderale Verfassung zu geben. Wie es sich für eine Demonstration im postsaddamistischen Irak gehört, folgten auf Rufe und Fäusteschütteln alsbald Schüsse. Die Polizei griff durch, fünf Demonstranten lagen tot im Staub. Die Luft schmeckte nach Bürgerkrieg.

Da sieht die Weisheit, die schnelle Machtübergabe heile alle Wunden, ganz alt aus. Die Amerikaner wollen schon im Juni die Macht an eine in Lokalversammlungen gewählte irakische Regierung übergeben. Das soll sie dann sein, die ersehnte Demokratie, nur in gezähmter Form. Mit allerlei Extrawünschen: Die Kurden wollen ihre Autonomie, die Schiiten (60 Prozent der Bevölkerung) fordern allgemeine Wahlen im Sommer. Wer da zu schnell nachgibt, nährt die ethnische Gewalt.

Wichtiger als hektisch-flusige Wahlen ist die Rückkehr der UN in den Irak, bei steter Rückendeckung durch die USA. Es wird Zeit für eine neue Weisheit: Die voreilige Machtübergabe gefährdet den Bestand des Landes.