Paris

In den schwersten Stunden seiner Laufbahn hielt ihn eine tröstende Weisheit des Staatspräsidenten aufrecht: "Die Franzosen lieben Politiker, die Schweres durchgemacht haben." Solche Aufmunterung konnte Alain Juppé seit seinem Sturz als Premierminister 1997 zuweilen brauchen. Doch noch nie hatte er Beistand so nötig wie am vergangenen Wochenende. Denn das Strafgericht von Nanterre hat ihn nach achtjährigem Prozess wegen illegaler Parteienfinanzierung zu 18 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt und, schlimmer noch, Juppé darf zehn Jahre lang für kein öffentliches Amt kandidieren. Er hatte, das hielt das Gericht für erwiesen, als ehemaliger Finanzchef von Paris sieben Mitarbeiter seiner Partei aus der Stadtkasse bezahlt.

Das Urteil war ein harter Schlag für den ambitionierten Konservativen, dem der Präsident große Hoffnungen machte, im Jahr 2007 als sein Nachfolger in den Elysée-Palast einzuziehen. Doch Jaques Chirac riet seinem Getreuen zum Durchhalten: Juppé solle erst einmal in Berufung gehen, und was seine Nachfolge angehe – "bis dahin sind es noch drei Jahre, und Wahlen entscheiden sich erst in den allerletzten Wochen".

Chiracs Ermunterung hat gewirkt. Obwohl der Richterspruch für Juppé einer Verbannung aus dem öffentlichen Leben gleichkommt, und obwohl er selbst für den Fall einer Verurteilung seinen Abschied von der Politik angekündigt hatte ("eine Frage des Anstands"), hält er an seinen Ämtern fest. Am Dienstagabend erklärte der 58-Jährige kalt lächelnd, er bleibe bis zur Entscheidung über seine Berufung Präsident der Regierungspartei UMP, Abgeordneter der Nationalversammlung und Bürgermeister von Bordeaux. Offenbar hatte die Flut politischer Sympathie- und Solidaritätsbekundungen die moralischen Bedenken des Expremiers weggespült. Allen voran übte sich sein Amtsnachfolger Jean-Pierre Raffarin in deutlicher Richterschelte über das "überraschende" und "vorläufige Urteil" und lobte: "Frankreich braucht Alain Juppé."

In erste Linie gilt das für Jacques Chirac. "Der Präsident kann sich ein Leben ohne Juppé einfach nicht vorstellen", sagt ein Führungsmitglied der UMP. Den meisten Franzosen ist kaum bewusst, wie sehr der unbeliebte Technokrat die Politik seines Landes geprägt hat. Juppé half, den Euro durchzusetzen, Juppé hielt die Konservativen von jeder Berührung mit der radikalen Rechten fern, Juppé sorgte als Gründungspräsident der konservativ-liberalen Sammelpartei UMP 2002 für eine Renaissance der Rechten. Und im Regierungsalltag kümmert sich der Einflussreichste unter den Beratern Chiracs noch um die kleinsten Details: vom jüngsten Gesetzentwurf zum Kopftuchverbot bis zu Personalentscheidungen im Elysée-Palast.

Als Juppé am vergangenen Freitag sein Urteil anhören musste, schwebte sein schärfster Widersacher gerade im Regierungsflugzeug hoch über den schneebedeckten Gipfeln Korsikas. Innenminister Nicolas Sarkozy, 49, hat sich schon seit Monaten als Präsidentschaftskandidat ins Spiel gebracht und erst jüngst gegen Juppé gestänkert: "Solche Thronfolger sollte man am besten guillotinieren." Mittlerweile keilt der wegen seiner erfolgreichen Law-and-order-Politik beliebte Sicherheitsfanatiker genauso gegen seinen Ziehvater Chirac, dem er keine dritte Amtszeit nach 2007 gönnt.

Genugtuung über das scharfe Urteil, aber vor allem den Ärger über Juppés Durchhaltewillen muss sich Sarkozy bislang verkneifen. Doch es gibt schon wilde Spekulationen, von welcher politischen Seite das Gericht unter Druck gesetzt wurde. In Nanterre jedenfalls sprechen die drei zuständigen Richter davon, dass ihre Telefone abgehört und ihre Büros durchwühlt wurden – wobei sogar ein anonymes Schreiben die Juristen vor einem zu milden Urteil warnte. Der verärgerte Chirac will den Fall jetzt mit Hilfe einer unabhängigen Untersuchungskommission aufklären.

Dagegen sah selbst der regierungsnahe Figaro in dem Richterspruch einen "Beweis für die Unabhängigkeit der Gerichte von jeder politischen Beeinflussung". Und eigentlich, fügt das Blatt hinzu, "müsste auch der Präsident auf der Anklagebank sitzen". Denn alle Vorgänge, die Juppé zur Last gelegt werden, spielten sich in der Zeit von 1988 bis 1995 ab, als Chirac Parteiführer und Pariser Bürgermeister war. Ausdrücklich vermerkt das Urteil, Juppé sei Chirac "direkt unterstellt" gewesen. In der Tat hat der Präsident längst sein eigenes Aktenzeichen beim Strafgericht von Nanterre. Allein die Immunität seines Amtes hat ihn bislang vor einer Anklage geschützt.