Das vierte dann war allen zu viel. Der Frauenarzt warnte, sie müsse mit Schwierigkeiten bei der Geburt rechnen. Die Mutter klagte, Kind, tu dir das nicht an, du bist doch jetzt schon so erschöpft! Die Freundin staunte und konnte nicht umhin zu spotten, sie habe da ein paar Verhütungstipps. Und die Schwiegereltern sorgten sich, wie das bloß werden solle mit dem Geld. Die Windeln, die Kleidung, die Schuhe! Für jeden ein eigenes Zimmer! Später die Ausbildung! Der alte Golf sei jetzt schon zu klein. Auch die Wohnung. Also – aufs Erbe dürfe man nicht so bald hoffen.

"Das war wie eine feindliche Einheitsfront", sagt Antje, 46, die ihren Namen nicht öffentlich preisgeben möchte. Denn von der tiefen Verwirrung, in die sie "diese dummen Reaktionen" gestürzt hatten, damals vor neun Jahren, als sie ungeplant schwanger geworden war mit dem vierten Kind, hat sie all den Bedenkenträgern nie erzählt. "Mein Mann und ich waren uns schnell einig, dass wir das irgendwie wuppen." Dennoch habe sie sich gequält, nachts, mit "lebensängstlichen Gedanken". Drei gesunde Kinder, damals sieben, vier und zwei Jahre alt – was ist, wenn das vierte behindert ist? Ihr Mann arbeitslos wird? Einen Unfall hat? Sie allein zurücklässt mit den vielen Kindern? Ungewöhnlich früh hat sie die Bewegungen des neuen Babys im Bauch gespürt, "als wollte es mir sagen: He, ich bin längst da, und du kannst aufhören, alles schwarz zu sehen." Da, endlich, war es gut.

Von solchen Sorgen, von verständnislosen Reaktionen, von dem Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, berichten nicht wenige Mütter, die mehr als die heute übliche Anzahl von zwei, höchstens drei Kindern zur Welt bringen. Das vierte Kind empfänden viele als Schritt über eine unsichtbare Schwelle, sagt Kurt Bierschock vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg. Nicht selten müsse einer der beiden Partner, die sich bis dahin einvernehmlich für das erste, zweite, dritte Kind entschieden hätten, für das vierte erst gewonnen werden; das haben Interviews im Rahmen des Forschungsprojekts "Kinderreiche Familien" ergeben, dessen Erkenntnisse Bierschock gemeinsam mit Kollegin Marina Rupp demnächst veröffentlichen will.

Große Familien leben quer zum Strom in einer Gesellschaft, die sich vorrangig dem Konsum, der Individualisierung, der Mobilität verschrieben hat. Kinder machen Freude, aber nicht selten auch Sorgen, sie sind lieb, aber teuer, und sie stehlen Zeit und Geld für Ausbildung, Karriere, für Hobbys, Sport und Reisen. Wer sich überhaupt für ein Leben mit Kindern entscheidet, will die wenigen, kostbaren Exemplare lieber bestmöglich ausstatten, als die vorhandenen Ressourcen auf viele Köpfe zu verteilen. Manchmal sei es, sagt Antje, die vierfache Mutter, als fahre sie mit einem Laster samt Anhänger durch enge Innenstadtstraßen. "Überall eckt man an, und man kann froh sein, wenn man nach einigem Rangieren doch die Kurve kriegt."

Kinder als Luxus – manche leisten sich etwas mehr

Wer nach großen Familien sucht, findet sie überraschend leicht. Das mag daran liegen, dass in einer Herde von braunen Pferden der einzige Schimmel heraussticht. Aber immerhin leben in Westdeutschland knapp 14 Prozent der Frauen zwischen 35 und 40 Jahren mit drei und mehr Kindern im Haushalt. Im Osten sind es dagegen nur 9 Prozent. Und während im Westen die Zahl kinderreicher Familien in den vergangenen zehn Jahren fast gleich blieb, sank sie im Osten. In der DDR waren drei und mehr Kinder freilich stets die Ausnahme; der legendäre Kinderreichtum ergab sich aus der Tatsache, dass die meisten Paare zwei Kinder hatten und nur sehr wenige kinderlos blieben.

Noch deutlicher zeigt sich der viel beklagte Trend zu immer weniger Nachwuchs an der Gruppe der Frauen mit Fachhochschul- oder Hochschulstudium: Im Westen stieg der Anteil kinderloser Akademikerinnen in den vergangenen zehn Jahren von 31 auf 42 Prozent, im Osten von 14 auf 18 Prozent. Drei und mehr Kinder dagegen bekommen, in Ost wie West, heute nur noch acht von hundert hochqualifizierten Frauen.

Doch jenseits der nur grobe Linien zeichnenden Statistik scheint es in jüngster Zeit eine wachsende Zahl gut situierter Paare zu geben, die sich, wenn schon Kinder, dann nicht nur eins oder zwei, sondern gleich drei, vier, viele leisten. Prominentes Beispiel ist die niedersächsische Sozialministerin Ursula von der Leyen. Für ihre sieben Töchter und Söhne im Alter von 3 bis 16 erntet sie in Talkshows unverhohlene Bewunderung. Wie schaffen Sie das nur?, wird sie jedes Mal gefragt. Charmant lächelnd erzählt sie dann von partnerschaftlicher Arbeitsteilung und dass sich in so großen Familien natürlich auch eine eigene Beziehungsstruktur der Geschwister untereinander bilde; das mache den Eltern die Sache leichter.