Wo sind die kinder? Full HouseSeite 4/4

Christiane Leiste hat sich auf Zeit für die Familienarbeit entschieden, um ihren pädagogischen Idealen gerecht zu werden. Doch auch sie zählt sich zu jenem Drittel kinderreicher Mütter, für die „der Beruf ein durchaus wichtiger Aspekt der weiteren Lebensplanung“ bleibt, wie Bierschock und Rupp herausgefunden haben. Ob der Absprung jemals wieder glückt? Die bekannten Probleme, Beruf und Familie miteinander zu verbinden, potenzieren sich mit der Anzahl der Kinder, die keinen Betreuungsplatz finden, krank werden, in der Schule versagen können. Also arrangieren sich viele Mütter, spätestens nach dem dritten Kind, mit der traditionellen Rollenverteilung. Oder ihr „Wunsch nach einer Erwerbstätigkeit“ war von vornherein „weniger ausgeprägt“.

Für Gesa Bonk, Leiterin einer Kindertagesstätte in Hamburg-Eimsbüttel, gilt das nicht. Sie sagt ganz entschieden: „Wenn nicht beides möglich gewesen wäre, hätte ich heute nicht vier Kinder!“ Die 38-jährige Sozialpädagogin teilt sich seit acht Jahren ihre Leitungsstelle mit einer Kollegin. Sie arbeitet drei Vormittage, zwei Nachmittage pro Woche, und das geht nur, weil sie für ihre Kinder, inzwischen neun, sieben, vier und ein Jahr alt, mit jeweils drei Monaten einen Krippenplatz bekam. Nach der Geburt des vierten Kindes hat ihr Mann, Röntgenarzt am nahe gelegenen Krankenhaus, drei Monate Elternzeit genommen – auch wenn die Kollegen nicht begeistert waren. Die Wohnung könnte größer sein; 100 Quadratmeter sind für sechs Personen nicht viel. Auf ein Auto verzichten sie, der Wäschetrockner ist wichtiger. Gesa Bonk: „Aber im Grunde führe ich ein Leben, so wie ich’s haben will.“ Bei der Arbeit erholt sie sich von ihren Kindern, bei den Kindern von der Arbeit.

Das soziale Ansehen großer Familien wächst wieder, vermutet Kurt Bierschock. Zeit wäre es – denn schon überfordern die Lebensverhältnisse in Großfamilien schlicht das Vorstellungsvermögen heutiger Viertklässler. Neulich erzählte eine Musiklehrerin von Johann Sebastian Bach und ließ die Schüler raten, wie viele Kinder er wohl gehabt habe. Zwei? Vier? Fünf? kam es zögernd. Zwanzig!, sagte sie. Darauf ein Zehnjähriger: „Boah, müssen die aber ’n großes Auto gehabt haben!“

Nächste Folge: Viele Paare entscheiden sich zwar für Kinder – aber sie tun es spät, oft zu spät. Martin Spiewak über unseren Umgang mit der biologischen Uhr

 
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