Furcht und Schrecken an der Berliner Volksbühne: Zum Ende der Castorf-Premiere Kokain, der Theaterfassung eines Zwanziger-Jahre-Skandalromans von Pitigrilli, soll der erkrankte Held Tito Arnaudi von seinen Freunden zu Tode gedoktert werden, mit schlechtem Essen, Klistieren und einem Bad in Eiswasser. Die Folter findet in einer Art Trash-Tropfsteinhöhle statt, die an den Westberliner Post-Punk-Underground erinnert, und wird in Volksbühnen-Manier von wuseligen Kameraleuten auf Großleinwände im Bühnenbild übertragen. Es besteht aus einer apart schief gelegten Stahlstruktur und stellt vielleicht einen halb versunkenen Panzerkreuzer dar oder einen Bunker in Form eines Eisernen Kreuzes; auf seinem Dach werden später Vulkane ausbrechen. An die Wände hat der Bühnenbildner Jonathan Meese Worte gemalt, die uns nicht weiterhelfen: "Ernteproduktionsmeldung" oder "Sau". Auf einem riesigen Rundhorizont darüber wird der Trash-Film Zardoz mit Sean Connery und Charlotte Rampling gezeigt. Auf zwei Fernsehern, die ab und zu ins Blickfeld gerollt werden, laufen noch zwei Trash-Filme (Conan, der Barbar und Die Zeitmaschine). Eine kultige Kunstinstallation von hoher Museumsreife. Dazu meistens Musik und oft Gesang. Die Bedeutungsebenen flirren, totale Wirrnis herrscht von Anfang an. In der Tropfsteinhöhle werden Pfauenaugen in Rotkäppchensekt ertränkt.

Der Tito-Darsteller Marc Hosemann hat sich irgendwann im Premierengetümmel in die rechte Hand geschnitten und läuft von da an mit einem provisorischen Verband umher, der langsam durchblutet. Als die Klistier- und Eiswasser-Folter beginnt, rinnt ihm das Blut schon den schützend erhobenen Arm herunter, und all seine Mitspieler werden schaurig befleckt. Zur Herstellung von Theaterschauder muss er Theaterblut trinken und pittoresk wieder ausspucken, aber das Theaterblut kann gegen das wirkliche Schauspielerblut nicht mehr anschaudern. Hosemann peitscht sich weiter durch die Inszenierung, so wie der ganze Abend unter einer fürchterlichen Durchhalteparole zu zittern scheint. Wir sehen die sechste Volksbühnenarmee, die sich in Theaterstalingrad eingegraben hat.

Der Roman Kokain des italienischen Juristen und Journalisten Dino Segre mit dem Pseudonym Pitigrilli ist schwer verrucht (auszusprechen mit rollendem "R" und langem "U": verrruuuucht!). Er spielt kokett und schön brutal mit den Reizthemen Promiskuität, Prostitution und Rausch und bleibt im Herzen erfüllt von reinem romantischem Sehnen. Man genießt Erdbeeren in Chloroform, die armenische Schönheit Kalantan Ter-Gregorianz lässt sich gern in einem Sarg nehmen, und sehr junge Weltmänner diskutieren die Frage, ob es besser sei, Witwen oder Nutten zu heiraten. In Deutschland stand das abgebrühte (abgebrrrüüüühte!) Werk noch bis 1988 auf dem Index für jugendgefährdende Schriften. Wer 19 ist und in die gefährliche Großstadt zieht, wird sich gern damit bewaffnen. Es enthält schöne Castorf-Sätze ("Die Frau schien eine kleine Bestie, die, bevor sie ihr Opfer zerreißt, den Duft des noch unversehrten Fleisches auskosten will.") und unwiderlegbare Wahrheiten über Theaterkritiker ("‚Erfolgreich?‘ – ‚Niemals …‘") und das Leben (ab 40 geht es abwärts). Einmal beschreibt das Buch sich treffend selbst: "Diese Agonie, voll krampfhaftem und unfruchtbarem Erotismus…" Der Agonie und dem Krampf, nicht dem Spiel mit Schockeffekten, widmet sich Frank Castorfs Berliner Inszenierung, und zwar gründlich.

Wir sahen Kathrin Angerer, Jeanette Spassova, Hendrik Arnst, Alexander Scheer mit all ihren Mitteln, mit denen sie sonst die schönsten Leuchteffekte erzeugen können, krachend gegen die Wand fahren. Wir sahen sie verzweifelt im ganzen weiten Bühnenbild nach Wirkung suchen und sie nicht finden. Wir sahen Silvia Rieger, ein starkes Zauberwesen, mit zusammengebissenen Zähnen für einen offenbar kurzfristig ausgefallenen Kollegen einspringen. Wir sahen leeres und wütendes Zucken, wüsten Überdruss. Es schien um nichts zu gehen als die Radikalisierung der Mittel, die Verschärfung der Kunstverhältnisse. Hass! Hass! Selbsthass! Nur in Momenten gelang es der Inszenierung, von sich selbst abzusehen und im Gewirbel der Zeichen einfach mitzutanzen.

"Djangott (notgeil)" hieß das lustigste Graffito des Bühnenbildners an seinem stählernen Supersignifikanten. Gewiss leitet Frank Castorf die Volksbühne als Mischung aus Django und Gott. Seine Schauspieler haben sich schon viele Knochen für ihn gebrochen, diesmal öffneten sie für ihn die Adern. Wer die genialen Höhenflüge des Castorf-Theaters erleben will, muss dem Meister regelmäßig in die tiefsten Abgründe folgen, wo es keine Lust mehr gibt und keine Leichtigkeit, nur noch grausigsten Theaterzwang. Nur noch blutiges Niederknüppeln und qualvolles Würgen bis zum Schlussapplaus. Das ist der Abstieg in die Theaterhölle. Bisher hat Castorf sich nach solchen Katastrophen immer wieder selbst erlöst und den Schauspielern neue Leichtigkeitsanfälle erlaubt. Doch hier hat ihr Djangott sie verlassen. Großzügig teilen sie die Schrecken ihrer Freiheit mit uns.