Rund gelaufen
Der Kreisel als Nichts und als Nabel der Welt: Der Schweizer Fotograf Andreas Züst hatte eine wundersame Leidenschaft
Ein Verkehrskreisel, machen wir uns nichts vor, ist nichts anderes als eine Kreuzung. An einer Kreuzung aber, am Kreuzweg, da wird es ernst. Da müssen wir uns entscheiden. Da beginnt der Weg, der falsche, der ins Verderben führt, da nimmt der Schrecken seinen Anfang. Wie oft wünscht man sich, wenn alles schon verloren ist, zurück an diesen Punkt.
Am Kreuzweg hausen die Dämonen und tanzen die Teufel zu nächtlicher Stunde. Ein Kreuzweg mit einem Wegweiser wie einem Galgen. Darauf sitzt die Eule und kneift ein Auge zu und dreht den Kopf einmal rundum, wie nur Eulen das können. Fledermäuse sicheln umher, und den Fahrenden schaudert’s. Er stellt plötzlich fest, dass diese verfluchte Kreuzung gar nicht auf der Straßenkarte steht, er kann sie nicht finden. Jetzt – wohin? Welche Richtung?
Nimm diese dort!, flüstert es aus der Dämmerung. Man fährt tapfer los, was soll schon geschehen?, und gelangt an ein sonderbares Gasthaus oder Motel, es scheint, als wär man der einzige Gast. Oder an ein Schloss, wo die Straße abrupt verendet, recht einsam und abgelegen, wie ausgestorben, wo den Reisenden schließlich der sehr bleiche Graf selber empfängt, mit modrigem Entzücken und fieberndem Blick.
Wie lieb und freundlich sind dagegen die Kreisel! Wir fahren auf, wir fahren ab, ein heiteres Verkehrskarussell. Können wir uns nicht entscheiden, fahren wir weiter, so lange im Kreis, bis sich von allein der Weg zeigt. Kreis ist gut, rund gefällt, das ist uns vertraut. Das ist das Erste, wonach wir greifen, wenn wir geboren sind: der kleine runde Nippel, der sanfte rote Hof drum herum, der riesige weiche Busen, dem wir uns haltlos schmatzend anvertrauen.
Ins Runde muss alles, aus dem Runden kommt alles. Sonne, Mond und Erde, und vielleicht ist ja auch der Mars ganz rund – wie aufregend, das bald zu erfahren! Rund ist die Kinderzeit, sind Ball und Luftballon, die Eiskugeln im Sommer und die Kirschen in Nachbars Garten. Wenn es rund läuft, läuft es gut.
Der Schweizer Andreas Züst (1942 bis 2000) war ein rarer Mann, ein Gletscherforscher, ein Wolkenliebhaber und Nordlichtfotograf, ein Mann mit Sinn für die Kunst des Wetters und die Kunst überhaupt. Wie andere bei ihren Reisen durch die Welt bezaubernde Menschen fotografieren, gefährliche Tiere, runzlige Tempel oder Gott in einer erhabenen Landschaft suchen, so liebte Züst den Verkehrskreisel und fotografierte ihn überall, in Frankreich, England, Spanien, in Indien und immer wieder in der Schweiz. Unter dem Titel Roundabouts hat die Zürcher Edition Patrick Frey seine Sammlung jetzt in einem kleinen bunten Album veröffentlicht (128 S., 32, – Euro).
Wir sehen ganz einfache und sehr raffinierte Kreisel, arme und reiche, Berg- und Tal- und Prunk- und Heldenkreisel mit wuchtigen Monumenten, den Lebenden im Kreisverkehr zur ewigen Mahnung. Wir sehen den Kreisel als Nichts und als Nabel der Welt, als Sinnbild der nationalen Identität, Insel des Paradieses, als Ort der ästhetischen Verweigerung, der göttlichen Zuflucht, der irdischen Liebe, Daniela ti amo.
Doch all diese Raumkunstwerke, die sie dem Runden huldigen, dem großen Kreislauf, der uns beruhigt, dienen tatsächlich nur einem Zweck: Niemand soll merken, dass er am Kreuzweg steht.
- Datum 05.02.2004 - 13:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.02.2004 Nr.7
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