Was ist eigentlich das Ziel der Geschichte? Für Karl Marx und Friedrich Engels war es bekanntlich die Freiheit, die es jedem erlaubt, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden". Es ist der Traum von einer Art universaler Hobbykultur: Nicht länger gilt die platonische Maxime, dass jeder – als Spezialist – "das Seine" tun muss, um glücklich zu werden. Endlich, so die kommunistische Utopie, soll sich jeder von den Zwängen befreien, die ihm ein Beruf auferlegt. Diese Utopie scheint mittlerweile sogar Wirklichkeit geworden zu sein – zumindest in der bildenden Kunst.

Immer mehr Künstler sind in den vergangenen zehn Jahren dazu übergegangen, das Prinzip des Readymade auszubauen. Traditionell wurden nur Dinge, Bilder und Räume, die bisher Nicht-Kunst waren, zu Kunstwerken erklärt. Jetzt führen die Künstler auch Tätigkeiten im Namen der Kunst aus, die bis dahin nichts damit zu tun hatten – Service-Art nennt sich das. Christine Hill zum Beispiel installierte auf der DocumentaX einen Second-Hand-Shop, andere Künstler richten Reisebüros ein, betätigen sich als alternative Stadtführer oder kochen. Manchmal wird eine Dienstleistung nur simuliert, manchmal leisten die Künstler aber tatsächlich dasselbe, was sonst ein Ladeninhaber, Koch oder Streetworker leistet. Sie ahmen dann deren Tätigkeiten unter dem Signum der Kunst nach und legen es darauf an, dass das Publikum das Dargebotene als "echt" akzeptiert und seine Lust daraus bezieht, das "Echte" zugleich als Kunst zu betrachten. Verwundert fragt man sich, woher die Künstler eigentlich die Fähigkeit nehmen, in so viele verschiedene Berufe zu schlüpfen.

Die Frage wird noch dringlicher, da keineswegs nur die Service-Künstler in anderen Rollen auftreten. Auch andere Künstler versuchen sich in ungewohnten Metiers, wobei sie insbesondere mit anderen Sparten der Kultur oder mit den Wissenschaften (kaum jedoch mit klassischen, aber weniger imageträchtigen Handwerksberufen) liebäugeln. So betätigen sich immer wieder welche als DJs, Musiker oder Sänger, als Autoren, Filmemacher, Kulturwissenschaftler oder Couturiers, sogar als Biologen, Geografen und Ethnologen – dies alles jedoch ausdrücklich in der Rolle des Künstlers und nicht als Berufswechsler. Selbst internationale Stars wie Cindy Sherman drehen auf einmal einen Film oder schreiben architekturtheoretische Texte wie Per Kirkeby. Erst recht ist es üblich geworden, sich weit auseinander liegender Traditionen innerhalb der Kunst gleichermaßen zu bedienen. Künstler wie Rosemarie Trockel oder Thomas Schütte kennen keine Skrupel und probieren mit fast jeder Arbeit wieder eine ganz andere Werkform aus, so als seien dazu keine Kenntnisse und Vorübungen nötig. Unter den Jüngeren ist es sogar die Mehrheit, die damit kokettiert, zahlreiche Ausdrucksformen gleichzeitig zu betreiben. Ein heutiger Absolvent einer Kunsthochschule macht also Videos, inszeniert Performances, zeichnet, singt und fertigt eine Kollektion mit selbst entworfenen Kleidern an.

Natürlich gab es auch früher Künstler, die verschiedene Werkformen beherrschten oder gar über das Feld der bildenden Kunst hinausgingen. Man denke nur an so berühmte Namen wie Dürer, Michelangelo und Leonardo; jemand wie Carl Gustav Carus ist heute sogar eher als Autor der Briefe über Landschaftsmalerei denn als Maler bekannt. Hier handelte es sich um klare Fälle von Doppelbegabung, die nach wie vor nicht ausgestorben sind. So sind die Texte von Thomas Huber ähnlich interessant wie seine Bilder (wenn beides überhaupt zu trennen ist), und David Hockney hat mit seinen Forschungen über die Handwerkstechniken der Maler für die Kunstwissenschaft mehr geleistet als viele in diesem Fach Promovierte. Die meis-ten jedoch, die sich gegenwärtig mit kunstferneren Methoden und Themen beschäftigen, stehen eher unter dem Einfluss des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys, der sich ja auch als Sänger versuchte und zur Documenta 7 im Jahr 1982 mit dem Song Sonne statt Reagan reüssieren wollte.

Was damals noch als ungewöhnlich galt, ist heute Normalität geworden, ja, viele Künstler spüren einen gewissen Druck, sich dadurch zu beweisen, dass sie in möglichst verschiedenen und zudem überraschend kombinierten Bereichen tätig sind und nicht etwa lebenslang nur mit Stein oder Ton oder Video umgehen.

Sobald sich die Arbeitszeit auf mehrere Metiers verteilt, droht jedoch Mittelmaß und Semiprofessionalität. Zudem ist fraglich, welche Bereiche überhaupt mit derselben Begabung zu erschließen sind und ob jemand, der an einer Akademie aufgenommen wird, deshalb auch schon dazu geeignet ist, Drehbücher zu schreiben oder Feldforschung zu betreiben. Das Terrain der bildenden Kunst hat sich insgesamt – ganz im Sinne von Marx und Engels – in eine privilegierte Spielwiese moderner Hobbykultur verwandelt, wo die Akteure das Gefühl haben, an keine Grenzen gebunden zu sein und die einzigen Universalisten innerhalb einer Welt voller Spezialisten sein zu dürfen.

Wie laienhaft, wie authentisch

Privilegiert ist diese Spielwiese, weil den Künstlern, die auf vielen Hochzeiten tanzen, das Staunen als erste Reaktion fast gewiss ist: Als neue Form von Zauberei wird angepriesen, was – bei nüchterner Betrachtung – doch meist nur eine durchschaubare Flucht vor Schubladen ist, in die die Künstler auf keinen Fall eingeordnet werden wollen. Hinzu kommt die Geduld der Betrachter: Wenn etwas im Namen der Kunst geschieht, dann gelten Toleranz und Wohlwollen als unverzichtbare Primärtugenden der Rezipienten, die im Zweifelsfall eher an sich selbst als an den Künstlern zweifeln. Zwar hört selbst ein an bildende Kunst gewohntes Publikum, wenn ein Künstler schief singt, findet das von einem anderen (oder demselben?) Künstler produzierte Video eintönig geschnitten oder den Text eines wieder anderen (oder des nochmals selben?) Künstlers hölzern formuliert. Aber das Unbehagen wird kaum eingestanden, sondern die Laienhaftigkeit des Gebotenen lieber zum Verfremdungseffekt umgedeutet oder als sympathisch-authentisch gutgeheißen, da gerade nicht so "glatt" wie von Profis präsentiert.