Wie können Studenten, die weder im Elternhaus noch in der Schule für die bildende Kunst begeistert worden sind, mit Hilfe der Universität doch noch zu Kunstliebhabern und möglicherweise auch Kunstsammlern werden? Diese Frage stellte sich der Verein der Freunde des Wallraf-Richartz-Museums und des Museums Ludwig in Köln angesichts einer Erhebung der dortigen Universität: Nur 40 Prozent der befragten Studenten quer durch alle Fakultäten gehen mehr als einmal jährlich ins Museum. Daher tüftelten der Vereinsvorsitzende Wolfram Nolte und Klaus Bergdolt, Professor am Kölner Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, das Programm "Universität im Museum" aus, das seit fünf Monaten mit großem Erfolg läuft.

Jeden Sonntagmorgen während des Semesters führen Professorinnen und Professoren ehrenamtlich etwa 25 Studenten in einem der beiden Museen vor eine von ihnen besonders geschätzte Arbeit. Das Besondere daran ist, dass bisher nur ein einziger Kunsthistoriker über sein Lieblingswerk referiert hat, ansonsten waren es ein Zahlheilkundler, ein Chemiker, ein Privatrechtler, ein Herzchirurg, ein Anatom, eine Heilpädagogin am Seminar für Musische Erziehung, insgesamt 15 Professoren. Der Funke für die Freude an der Kunst soll nicht durch Fachkenntnis überspringen, sondern durch die persönliche Begeisterung derjenigen, die an einer Massenuniversität im Alltag von den Studierenden kaum je privat erlebt werden können. Im Anschluss an die einstündige Führung setzt man sich dann noch im Museumsbistro auf einen Kaffee oder ein Kölsch zusammen, wo sich dann das Gespräch sowohl über die Kunst und ihren Zugang als auch über Fragen des Studiums fortsetzen lässt.

Mal stammen die ausgewählten Bilder und Skulpturen aus dem Mittelalter, mal aus der Moderne – sie sind so unterschiedlich wie die Fachgebiete und die Persönlichkeiten der Professoren. Der Rektor der Kölner Universität, Tassilo Küpper, ist von Haus aus Mathematiker und machte den Anfang der bisher 15 Ausflüge zur Kunst und führte vor die surrealen Welten von Max Ernst. Für die Kunstnovizen war es eine amüsante Situation, den Mann an der Spitze der Universität mit 60000 Studenten und mehr als 600 Professoren über die Madonna schwärmen zu hören, die dem Jesuskind den Hintern versohlt. Der Archäologe Henner von Hesberg nahm es anhand der Skulptur Mann und Frau von Thomas Schütte mit einem zeitgenössischen Werk auf. Und der Ethikmediziner Klaus Bergdoldt erklärte den mittelalterlichen Sebastiansaltar und fand dabei auch einen Link zur Universitätsgeschichte.

"Die Spezialisierung in der Universitätsausbildung nimmt immer mehr zu", sagt Bergdoldt, "dem müssen wir entgegenwirken." Mit dieser Meinung steht er nicht allein, wie die rege Beteiligung der nicht gerade unterbeschäftigten Wissenschaftler an dem Projekt eindrücklich belegt. Es scheint fast schon wieder Universitätskonsens zu werden, dass der Blick über den Tellerrand hinausgehen muss. Mit mehrerlei Nutzen: "An so einem Vormittag wird der Professor zum Menschen", sagt die das Projekt begleitende BWL-Studentin Anne Fries. Ihre Theater-, Film und Medienwissenschaften studierende Kommilitonin Emily Thomey betont: "Ein Ziel ist es auch, Mitglieder für den Verein der jungen Freunde der beiden Museen zu gewinnen, der sich im Aufbau befindet." Und nicht zuletzt kommen Studenten mit Kommilitonen aus den unterschiedlichsten Fachgebieten zusammen, auch das ist auf dem Campus keine Selbstverständlichkeit. Angeregt von einem grafisch gut gemachten Plakat oder vom Uniradio, kann sich jeder Studierende für eine Führung im kleinen Kreis anmelden – nur schnell muss er inzwischen sein. Die Museen können sich freuen, wenn ihnen neue Besucherschichten zugeführt werden, die dann, einmal gewonnen, vielleicht auch Galerien und Messen besuchen werden, um selbst Kunst zu erwerben.

Das Projekt wird in anderen Städten bereits mit Interesse verfolgt. Erst neulich waren einige Mitglieder des Vereins der Freunde der Hamburger Kunsthalle in Köln zu Besuch. "Das hat uns sehr gefallen", sagt Ekkehard Nümann, der Vorsitzende der Hamburger Freunde. "So kann man Fachidioten lustvoll knacken." Es könnte also durchaus sein, dass bald auch die Professoren anderer Städte einen Sonntagmorgen als Führungskraft im Museum verbringen. In Köln hat man keine Sorge, vorerst ein Dreijahresprogramm auf die Beine stellen zu können. "Wenn nur 30 Prozent der Kölner Professoren mitziehen", sagt der Ideenstifter Wolfram Nolte, "dann klappt das."