Essays Mundhimmel

Herta Müller hat mit ihrem neuen Essayband eine Poetik über Dichtung in Diktaturen verfasst

Als Herta Müller vor 20 Jahren ihren ersten Prosaband im Berliner Rotbuch-Verlag veröffentlichte, begrüßte die Literaturkritik sie als „deutsch schreibende Rumänin“. Noch heute muss sie in der Bäckerei hören, dass es „Brezel“ heißt, mit langem „e“, nicht „Bretzel“; auch spreche sie doch recht gut Deutsch. Als wären die Feuilletons Außenstellen von Ausländerämtern, hafteten den Rezensionen ihrer Bücher 1989; , 1991; 1992; 1994; , 1997) gewisse asylbehördliche Vorbehalte an: Zwar schreibe sie mit kraftvollen Metaphern über die Schrecken einer Diktatur, zwar gelinge ihr dies in einer eigentümlichen, unverwechselbaren Sprache – indes, dies alles spiele sich im Ausland ab, in einem Land, dessen Hauptstadt entweder Bukarest oder Budapest heiße und dessen unaussprechlicher Diktator bekanntlich vor einer Videokamera erschossen wurde. Genug davon. Also fragten ihre wohlwollenden Kritiker: Wann kommt Herta Müllers erster deutscher Gegenwartsroman?

Da fiel ihr auf, dass es bei uns eine literarische Gegenwart gibt, die 1939 in Danzig beginnt, und eine ausländische Gegenwart, die schon längst Vergangenheit ist: Wir haben mit unserer Geschichte schon genug zu tun, da möge sich diese Rumänin doch bitte endlich integrieren. Deutschland hat doch auch einen Vorrat dramatischer politischer Sujets.

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Sie kann aber nicht vergessen. Daran hindern sie die Wörter. Es sind seltsamere, ältere Wörter, als sie in Reisepässen stehen. Und beim Schreiben sind es die Pausen zwischen den Wörtern, also das Schweigen, in denen sich die Sätze im Kopf bis zur Unaussprechlichkeit verdichten, weil sie um das Unaussprechliche selbst kreisen: um die tonlose Angst in der Diktatur, um Morddrohungen des Apparats, um Verhöre in den Zimmern der Geheimdienste, um die Wahrheit, in einem zu Gehorsam und Verrat dressierten Volk aufgewachsen zu sein. Davon handelt ihr jüngster Essayband Der König verneigt sich und tötet. Es ist eine Poetik über Dichtung in Diktaturen.

Die Ermahnungen der literaturkritischen Integrationsämter haben Herta Müller zu denken gegeben. Also denkt sie nach über ihre Sprache in Deutschland und Rumänien, über „das Frösteln des Gemüts bei der Frage: Was ist ein Leben wert“. Oder, in den Worten eines Securitate-Verhörers: „Was glaubst du, wer du bist?“ Denn jede Frage will eine Antwort haben, doch die Erfahrung Herta Müllers, dass das Leben in einem mörderischen Regime nichts wert ist, führt zu der paradoxen (weil doch aufgeschriebenen) Wahrheit: „Wenn der Großteil am Leben nicht mehr stimmt, stürzen auch die Wörter ab.“ Oder sie fügen sich zu neuen Fragen. An einem 1. Mai wird ihr Freund vom Geheimdienst ermordet. „Wie muss das sein, wenn man spätabends zu Hause sitzt, es klopft, man öffnet und wird erhängt.“

Die Sprache verhört sich selbst

Die hier versammelten Essays kreisen um den Wunsch, zu Papier zu bringen, was noch die empfindlichste Geschichtsschreibung des vorigen Terror-Jahrhunderts nicht vermag: die Überlebenstechniken in einer Schreckensherrschaft vorzustellen, die zwischen stiller Anpassung, Wegducken und Schweigen oder Flucht in gemeinsame seelische Selbstvergewisserung unter Dissidenten liegen. Wie geht man in ein Verhör, wichtiger noch – wie geht man aus ihm heraus? Dabei scheinen die absurden Stunden, die Herta Müller und ihre Freunde vor den Schreibtischen der Securitate verbracht haben, in ihrem ganzen Werk nachzuhallen.

Sie nimmt sich selbst und ihre Wörter in ein kontinuierliches Verhör – sind sie den Dingen angepasst wie ein Handschuh oder nicht doch wie Handschellen? Sind ihre Texte kahl wie eine Pappel im Winter, oder machen ihre Wörter „große Augen“, die alles sehen, alles aufbewahren wollen – auch das, was vielleicht gar nicht existiert? Und: „Ich habe in meinen Büchern noch keinen Satz auf Rumänisch geschrieben. Aber selbstverständlich schreibt das Rumänische immer mit, weil es mir in den Blick hineingewachsen ist.“ Im Rumänischen, einer sinnlichen Sprache, heißt der Gaumen „Mundhimmel“. So hätte Herta Müller es erfinden können.

Ihre Essays sind dort auf der Höhe ihrer so eigentümlichen Romane, wo sie das, was andere Autoren als Handwerk beschreiben mögen, als beinahe aussichtslosen Versuch verstehen, genauer, „als Gratwanderung zwischen dem Preisgeben und Geheimhalten“. Erschwert wird diese von dem offenkundigen Wissen der Dichterin, dass nicht nur sie Geheimnisse hat, sondern mehr noch die Wörter selbst. Hier gleicht sie Karl Kraus; der hatte das Gefühl, dass die Wörter, je länger man in sie hineinschaute, schließlich zurückschauten. Auf dem Berliner Schreibtisch von Herta Müller liegen Hunderte von Wortschnipseln, aus Zeitungen herausgeschnitten wie Indizienbeweise, die sie bei Gelegenheit zusammenfügt zu Gedichten, die ganz und gar von und in der Eigenevidenz der Schrift gewordenen Laute leben.

Wer wie Herta Müller an die Wunderkraft von Wörtern glaubt, muss davon ausgehen, dass die Dinge, die die Sprache beschreibt, mit ihren Bezeichnungen leben und, wenn es nötig ist, auch emigrieren können. Und so erzählt sie von einem Baum, der ihr aus Rumänien nach Berlin gefolgt ist: „Berlin ist keine Aprikosen-Gegend, dafür ist es zu kalt. Ich hab in Berlin keinen Aprikosenbaum vermisst. Dann aber, ohne zu suchen, einen gefunden… Der Baum ist für mich ein Stück weggelaufenes Dorf… Als wäre das Dorf auch mancher Bäume überdrüssig geworden, als hätten sie sich unbemerkt aus den Gärten davongemacht.“

In Wirklichkeit aber war der Schriftstellerin nur das schöne, weiche Wort gefolgt, das sich seine angestammte Bedeutung gesucht hat, um schließlich jene märchenhafte Idee zu bestätigen, dass selbst die Obstbäume aus der ländlichen Enge und Kontrolle eines furchtbaren Landes geflohen sind. Doch der Vergleich des von der Sprache gebannten Karl Kraus mit Herta Müller endet hier: Jener suchte und fand in einer fast kunstgewerblichen Natur- und Gartenlyrik Trost angesichts der ideologischen Moderne; für Herta Müller war noch jeder Fluss, jeder Stein an seinem Ufer befleckt vom Todeshauch der rumänischen Geheimdienste. Im Fluss konnte man ertränkt werden, die Steine in der Manteltasche zogen die Opfer in die Tiefe.

Die Regierung macht es warm

Mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrer Emigration aus Rumänien will und kann Herta Müller ihre Erfahrungen von Angst und tyrannischem Sozialismus nicht vergessen. Sie hat sie mitgebracht in eine fremde Welt namens Deutschland, die es inzwischen vorzieht, sich abzuwenden von der Wirklichkeit eines Landes unter totalstaatlicher Kontrolle. Wir haben eine Behörde errichtet, in der das schlechte Gewissen von 100000 ehemaligen Stasi-Spitzeln in kilometerlangen Aktenständern verwaltet wird, während ihre eigentlichen Besitzer sich bei Good Bye, Lenin! amüsieren.

Seltsam und liebenswürdig ist diese Autorin, die im literarischen Leben Berlins bisweilen mit verschmitztem Lächeln anzutreffen ist; doch in ihren Essays verschlägt es dem Leser das Lachen. Hier schreibt jemand, der an die Gerechtigkeit glaubt und der jeden Satz zum Zeugen dafür aufrufen möchte, wie es wirklich war in dem Land, in dem an jeder Straßenecke die täglichen Lügen aus den Staatslautsprechern bellten und in dem die Regierung die Wintertemperaturen im Wetterbericht um zehn Grad erhöhte, auf dass die Genossen Bürger nicht so froren.

Im geistigen Milieu der Bundesrepublik sind die kritischen Theorien des Totalitarismus bis in die achtziger Jahre hinein abgewehrt worden. Die intellektuellen, kulturellen und politischen Entgleisungen des 20. Jahrhunderts, die sich zu Mord und Totschlag addierten, spiegelten sich wider in den Texten eines Albert Camus oder Elias Canetti, in den Romanen eines Manès Sperber oder den Reflexionen eines Leszek Kolakowski – lauter „Ausländer“, die erst an der Peripherie, dann im Zentrum des totalitären Mahlstroms um ihr Leben schrieben. In Deutschlands „linkem“ Literaturbetrieb galten sie als reaktionäre Diversanten. Herta Müllers Essays sind poetische Nachzügler jener Epoche; aber sie sind nur eines nicht: Zuspätgekommene. In ihrer bildgenauen Wahrheit holen sie die Gemeinheiten, die Menschen einander zufügen, in die Gegenwart zurück. Das Bestürzende ihrer Essays liegt im Geheimnis ihrer schönen Sprache. Jedes ihrer Wörter ist ernst, das heißt, sie wiegen schwerer als das ganze Buch.

Herta Müller: Der König verneigt sich und tötet Essays; Hanser Verlag, München 2003; 203 S., 17,90 ¤Der König verneigt sich und tötetBelletristikEssaysHerta MüllerBuchHanser Verlag2003München17,90203
 
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