Wer wie Herta Müller an die Wunderkraft von Wörtern glaubt, muss davon ausgehen, dass die Dinge, die die Sprache beschreibt, mit ihren Bezeichnungen leben und, wenn es nötig ist, auch emigrieren können. Und so erzählt sie von einem Baum, der ihr aus Rumänien nach Berlin gefolgt ist: "Berlin ist keine Aprikosen-Gegend, dafür ist es zu kalt. Ich hab in Berlin keinen Aprikosenbaum vermisst. Dann aber, ohne zu suchen, einen gefunden… Der Baum ist für mich ein Stück weggelaufenes Dorf… Als wäre das Dorf auch mancher Bäume überdrüssig geworden, als hätten sie sich unbemerkt aus den Gärten davongemacht."

In Wirklichkeit aber war der Schriftstellerin nur das schöne, weiche Wort gefolgt, das sich seine angestammte Bedeutung gesucht hat, um schließlich jene märchenhafte Idee zu bestätigen, dass selbst die Obstbäume aus der ländlichen Enge und Kontrolle eines furchtbaren Landes geflohen sind. Doch der Vergleich des von der Sprache gebannten Karl Kraus mit Herta Müller endet hier: Jener suchte und fand in einer fast kunstgewerblichen Natur- und Gartenlyrik Trost angesichts der ideologischen Moderne; für Herta Müller war noch jeder Fluss, jeder Stein an seinem Ufer befleckt vom Todeshauch der rumänischen Geheimdienste. Im Fluss konnte man ertränkt werden, die Steine in der Manteltasche zogen die Opfer in die Tiefe.

Die Regierung macht es warm

Mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrer Emigration aus Rumänien will und kann Herta Müller ihre Erfahrungen von Angst und tyrannischem Sozialismus nicht vergessen. Sie hat sie mitgebracht in eine fremde Welt namens Deutschland, die es inzwischen vorzieht, sich abzuwenden von der Wirklichkeit eines Landes unter totalstaatlicher Kontrolle. Wir haben eine Behörde errichtet, in der das schlechte Gewissen von 100000 ehemaligen Stasi-Spitzeln in kilometerlangen Aktenständern verwaltet wird, während ihre eigentlichen Besitzer sich bei Good Bye, Lenin! amüsieren.

Seltsam und liebenswürdig ist diese Autorin, die im literarischen Leben Berlins bisweilen mit verschmitztem Lächeln anzutreffen ist; doch in ihren Essays verschlägt es dem Leser das Lachen. Hier schreibt jemand, der an die Gerechtigkeit glaubt und der jeden Satz zum Zeugen dafür aufrufen möchte, wie es wirklich war in dem Land, in dem an jeder Straßenecke die täglichen Lügen aus den Staatslautsprechern bellten und in dem die Regierung die Wintertemperaturen im Wetterbericht um zehn Grad erhöhte, auf dass die Genossen Bürger nicht so froren.

Im geistigen Milieu der Bundesrepublik sind die kritischen Theorien des Totalitarismus bis in die achtziger Jahre hinein abgewehrt worden. Die intellektuellen, kulturellen und politischen Entgleisungen des 20. Jahrhunderts, die sich zu Mord und Totschlag addierten, spiegelten sich wider in den Texten eines Albert Camus oder Elias Canetti, in den Romanen eines Manès Sperber oder den Reflexionen eines Leszek Kolakowski – lauter "Ausländer", die erst an der Peripherie, dann im Zentrum des totalitären Mahlstroms um ihr Leben schrieben. In Deutschlands "linkem" Literaturbetrieb galten sie als reaktionäre Diversanten. Herta Müllers Essays sind poetische Nachzügler jener Epoche; aber sie sind nur eines nicht: Zuspätgekommene. In ihrer bildgenauen Wahrheit holen sie die Gemeinheiten, die Menschen einander zufügen, in die Gegenwart zurück. Das Bestürzende ihrer Essays liegt im Geheimnis ihrer schönen Sprache. Jedes ihrer Wörter ist ernst, das heißt, sie wiegen schwerer als das ganze Buch.