Roman

Unterwegs den Mut verloren

Die unglückliche Fortsetzung einer Familiengeschichte: Urs Widmers „Das Buch des Vaters“

Offen gesagt: Der Versuch ist ziemlich in die Hose gegangen. Man kann darüber streiten, ob sich während des Zweiten Weltkriegs zwei Schweizer Beamte, als wären’s Boten aus dem 21. Jahrhundert, mit dem Wunsch: „Einen schönen Tag noch“, aus dem Staub machen sollten oder was es besagt, wenn die Schreibweise eines Namens mitten im Buch verändert wird. Solche Einwände sind gewiss kleinlich. Doch zeigen sie: Es stimmt etwas nicht.

Widmer gilt seit dem Blauen Siphon (1992), dem Geliebten der Mutter (2000) als einer der wichtigsten Schweizer Schriftsteller der Gegenwart. Auch die jetzt nachgetragene Liebeserklärung an seinen Vater enthält wieder betörend eindrucksvolle Passagen und unvergessliche Episoden. Und doch stimmt etwas nicht.

Dem Kreis, der sich am Ende schließt, fehlt die Mitte. In dem „weißen Buch“, das dem jungen Karl, dem „Vater“ also, im Alter von zwölf Jahren, nach einer strengen Zeremonie, in der Dorfkirche seiner Vorfahren überreicht worden war, damit er fortan, nach calvinistischer Übung, Rechenschaft ablege über sein Leben, Tag für Tag, in diesem Buch steht unter dem Datum vom 17.Juni 1965, dem Vorabend seines Todes, als letzte Eintragung: „Ich weiß jetzt, wie sie heißt.“ Gemeint ist die rothaarige, sommersprossige Tochter des Schmieds, die ihm an jenem Tag in der Kirche und, nach den Feierlichkeiten auch nachts, in einer Scheune, schon einmal begegnet war. Die Erinnerung daran hat Karl ein Leben lang begleitet, obwohl er, bis zum Vorabend seines Todes, „nicht wusste, wie sie hieß“.

Autoschaden durch Selbstmord

Am Morgen des 18. Juni, Karl, der Vater ist gerade gestorben, macht sich nun dessen Sohn, „das Kind, ich“, mit seinem 2CV auf den Weg in das Heimatdorf seines Vaters, um dort, nach altem Brauch, den Sarg des Vaters abzuholen, wie der, Jahre zuvor, noch zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln, den Sarg seines Vaters abgeholt hatte. Wer aus diesem Dorf stammte, der hatte, sorgfältig gestapelt vor dem Anwesen der Vorfahren, dort (s)einen Sarg stehen.

Das Buch des Vaters füllt eine (doppelte) Leerstelle. Nach dem Tod des Vaters konnte „das Kind, ich“ einige Blicke in das „weiße“ Tagebuch des Vaters werfen, dann musste er los, um den Sarg zu holen. Nach seiner Rückkehr hatte Clara, die Mutter, das „weiße Buch“ mit anderen Papierbergen des Vaters bereits auf den Müll geworfen. Der Sohn will es deshalb jetzt noch einmal schreiben. Das Buch des Vaters füllt aber auch die Leerstelle, die Urs Widmers vorangegangener „Roman“ Der Geliebte der Mutter offen gelassen hatte. In dem Mutter-Buch geht es um eine Affäre, die, im präzisen Sinn, zum Schicksal wurde: „Unbemerkt von jedermann“, auch „unbemerkt von ihm“, dem Geliebten selbst, Edwin Schimmel, einem später weltberühmten Dirigenten und Industriellen. Ihn habe die Mutter „ihr ganzes Leben lang geliebt“, eine alles andere ausschließende Leidenschaft, in der sich Liebe und Kunst untrennbar verschlungen hatten. Sogar der Mann der Mutter, sein „Vater“, wird vom Erzähler kaum erwähnt.

Der kleine „Roman“ beginnt mit dem Tod des Dirigenten, und er endet mit dem Selbstmord der Mutter, die im Pflegeheim aus dem Fenster springt und unglücklicherweise auf dem Dach des Fiats vom Hausmeister landet, der dann ein Jahr lang mit der „Versicherung der toten Mutter“ um den Schaden streiten musste. Selbst der Tod gewinnt so seine komische Seite. Die Beobachtung, Urs Widmer wolle „das Schicksal erfinden“ (Thomas Steinfeld), trifft zwar, taugt aber nicht als Einwand. Denn Widmer nutzte nur die Mittel, die sich Robert Walser erschrieben hatte, um die Welt, ohne sie zu verharmlosen, als Idylle und das Leben realistisch, eben als Marionettentheater, erscheinen zu lassen. Es handelt sich um eine Konstruktion des „Schicksals“, die ästhetischen Vorgaben folgt.

Jeder Begebenheit entspricht eine andere. Die Mutter, einst immens reich, verarmt in der Folge des Schwarzen Freitags an der Wall Street. Der Dirigent, bettelarm, heiratet in den größten Konzern der Schweiz ein. Perspektiv- und Tempo-Wechsel, mal Zeitraffer, mal Zeitlupe. „Die Tage krochen, die Jahre flogen vorüber.“ Im Norden Hitler, im Süden Mussolini, dazwischen jene kleine Tragödie, die die Erde aufreißt und den Himmel einstürzen lässt.

Ein Meisterwerk ist dieses kleine Büchlein geworden, das die reale Lebensgeschichte der Mutter des Autors vermutlich genauso authentisch wie fiktiv, nämlich als sprachliches Kunststück noch einmal erstehen lässt. Nur der Vater fehlte. Er ist, um ihr Schicksal greller ins Licht zu setzen, kunstvoll ausgespart.

Was damals nicht versäumt wurde, wird jetzt, im neuen „Roman“, nachgeholt. In der Schlüsselszene des Vater-Buches treffen die Protagonisten beider Romane zusammen.

Karl und Clara, jung verheiratet, werden von Schimmels zum Abendessen eingeladen. (Weil „der Vater“ eine Kunstausstellung organisiert hatte!) Tildi Schimmel schwebt dem Paar entgegen: „Ich darf doch Clara zu Ihnen sagen? Edwin hat mir so viel von Ihnen erzählt!“ Dann kommt Edwin: „Lange nicht gesehen! Wie geht’s dir denn so?“ Clara antwortet: „Ich bin schwanger.“ Wie schön, meint Edwin und wendet sich Karl zu: „Und Sie sind der glückliche Papa?“ – „Ich hoffe es“, sagte der Vater. „Ich höre eben zum ersten Mal davon.“ Dann kommt das Essen. Den ersten Gang lehnt der Vater dankend ab. Ebenso verzichtet er auf den zweiten. Schließlich weist er auch die Hauptspeise zurück. Tildi fragt ihn, was er denn essen wolle. „Ein Stück Emmentaler und Brot, das wäre mir am liebsten.“ Zu Hause weint Clara, weil er sie blamiert habe.

Doch als „das Kind, ich“ geboren wurde, „freute sich“ der Vater, sogar „über alle Maßen“. Bis zum Ende bleibt die Rolle, die Edwin Schimmel im Leben Claras gespielt hat, unklar. Eine normale Ehe wird vorgeführt. Der „Vater“ liebte seine Clara. Aber auch ihr wird wörtlich „Liebe“ attestiert. Das heißt: Das „Schicksal“ des Vaters, eine nur voralpine Schweizer Berg- und Talfahrt, entbehrt aller Tragik.

Walter Widmer, der hinter dem „Vater“ erkennbare Vater des Autors Urs Widmer, war von Haus aus Romanist, wurde Gymnasiallehrer, Literaturkritiker und Übersetzer. Er brachte es zu bescheidener Prominenz. Er war – anders als „seine“ Clara – eine mittlere Größe, keine tragische Gestalt. Diese Tatsache schränkt seinen Sohn, den Autor, in der Wahl seiner Mittel ein. Was der Stoff nicht hergibt, muss Rhetorik ersetzen.

„Mein Vater war ein Kommunist.“ So der erste Satz. Punkt. Schon im zweiten wird die Aussage wieder relativiert: „Nicht immer“ sei er Kommunist gewesen, und, im dritten, da war er „keiner mehr“. Dieses Schlingern setzt sich fort, auch in der Aufspaltung des Erzählers, der stets als „das Kind“ Komma: „ich“ erscheint. Das große Motiv eines versäumten Lebens wird nur angespielt, nicht ausgeführt. Die sommersprossige Tochter des Schmieds, eine berühmte Lyrikerin, gibt sich am Vorabend seines Todes zu erkennen: als das Mädchen aus der Scheune.

Der Vater: eine Leerstelle

Damit ist der Kreis geschlossen, das Motiv verschenkt. Ohne die Kenntnis des Geliebten der Mutter bleibt der neue „Roman“ unverständlich. Dem Mut und der Offenheit, mit der Widmer das Schicksal (s)einer Mutter beschrieben hatte, entsprach die Stillage. Noch die Komik war herzzerreißend. Das Schluchzen, einst von Walter Benjamin hinter der Geschwätzigkeit Robert Walsers herausgehört, lässt sich dort in jedem Satz vernehmen.

Widmers Stärke, sein Witz, seine sprachliche Kraft und Sicherheit, diente lange Zeit einem avancierten Verständnis von Literatur. Wie ein Feuerwerk zündete er, effektvoll, seine Pointen. Diese Stärke war mit einer Schwäche erkauft. Seine handlungsstarken Geschichten verdeckten, mit schon zwanghaften Zügen autonomem Sprach-Spiel verpflichtet, die Erfahrung, der sie sich verdankten. Erst im Geliebten der Mutter hatte sich Widmer vom zwanghaften Witzeln freigeschrieben. Er spielte Schicksal. Vergleichbar Handkes Versuch im Wunschlosen Unglück, aus dem „allgemeinen Formelvorrat“ für ein „Frauenleben“ ein „besonderes Leben“ zu erfinden. Der Preis war eine Leerstelle: „der Vater“. Jetzt hat Widmer die Leerstelle ausgefüllt. Mit dem Ergebnis, dass sich erkennen lässt, warum sie nötig war.

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  • Von Martin Lüdke
  • Datum
  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 05.02.2004 Nr.7
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