Wahlbekanntschaften Der Chauffeur

Jutta Voigt trifft Menschen im Café

An der Garderobe holen die Damen die Pumps aus der Tüte und packen die gefütterten Winterstiefel ein, es liegt Schnee in der Bismarckstraße. »Single-Treff, Partnerwahl, Eheanbahnung« – das Café Keese findet deutliche Worte, der Tanztee ist bestens besucht. Das Internationale Tanzorchester Go West macht Live-Musik, was zuweilen aussieht, als würde die Sängerin mit den schönen Beinen zur Stimme von Vicky Leandros nichts tun als sich in den Hüften wiegen. Als würden die Musiker lediglich vorgeben, ihre Instrumente zu betätigen. Die Stimmung jedenfalls ist großartig, die Tanzfläche voll, die Kellner geben Feuer, wo gibt es das noch. Senatssekretärinnen und Witwen, Handwerksmeister und pensionierte Angestellte, lauter einsame Herzen. Zwei lebenslustige Blondinen in glitzernden T-Shirts werden an unseren Tisch platziert, Hella und Angelika, Stammgäste. Ein Mann, der keine Puseratze hat, kommt nicht infrage, sagt Hella im Lauf des Nachmittags, ich bin Wohlhabende gewöhnt, da gehe ich nicht von ab. »Damenwahl« blinkt die rosa Leuchtschrift auf der Bühne, die Keese-Männer halten sich nicht dran. Mein Tänzer ist Ingenieur für Energiesparlampen bei Siemens, ein Parkett-Profi mit Tanzschul-Erfahrung, da komme ich nicht mit. Der Ingenieur führt mich zum Platz zurück.

Allein an einem Tisch an der Tanzfläche sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen ein Herr im tadellosen Nadelstreifen-Anzug, allein. Er hält die Zigarette wie in Zeiten, als man sie Glimmstängel nannte. Der Mann ist groß und dünn, sein schmaler Kopf thront auf einem langen Hals. Seine Haltung ist aufrecht, beinahe militärisch. Schneidig hätte man das in Glimmstängel-Zeiten genannt, oder zackig. Ihn wähle ich aus, er wird meine Bekanntschaft, seine Schuhe haben Absätze.

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Ich bin ein begehrter Tänzer, sagt Lothar Dombrowski, der 74 ist und wie Mitte fünfzig wirkt. Auf seine elegante Kleidung angesprochen, teilt er mit, dass er 100 Oberhemden und 30 Anzüge im Schrank hat und 20 Paar Schuhe. Nach dem Krieg, in den fünfziger Jahren, bin ich ein Raufbold gewesen, berichtet er nicht ohne Stolz, erst in der Kampfsportschule, beim asiatischen Taekwondo, wurde ich meine Aggressionen los. Ich bin eigentlich gelernter Hotelkaufmann, sagt er und raucht eine nach der anderen. Durch bestimmte Umstände kam ich zu Franz Josef Strauß, Begleitservice, ich wurde damals oft von Illustrierten interviewt. Dombrowski ist viele Jahre bei Strauß geblieben, als Chauffeur und Bodyguard. War Strauß so gemütlich, wie er aussah? Von wegen gemütlich, der Josef hatte zwei Gehirne, nicht eins wie wir.

Lothar Dombrowski ist geschieden. Ich will keine Beziehung mehr, sagt er, ich gehe hier nicht auf Jagd. Er ist bekannt im Lokal, seine straffe Erscheinung imponiert den Frauen, manche will wissen, dass sein Verhältnis mit der 23 Jahre jüngeren Bärbel zu Ende ist und dass er schwer darunter leidet. Im Gegenteil, ich blühe auf, sagt Dombrowski. Bevor ich ins Café gehe, rufe ich an und frage: Ist die Bärbel da? Wenn der Kellner sagt, nein, Lothar, mache ich mich auf den Weg.

In die Tanzteemaschine Go West kommt Bewegung, die Musiker machen jetzt eindeutig selber Musik, plötzlich hat die Sängerin ein Gesicht, Herr Dombrowski bittet zum Cha-Cha-Cha. Ich kann mir vorstellen, wir kommen raus, und es fährt ein schwarzes Taxi rechts und links vor, so eine Limousine wie in den Fünfzigern, sagt meine Freundin Bastienne, die damals noch gar nicht gelebt hat.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 05.02.2004 Nr.7
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  • Schlagworte Franz Josef Strauß | Musik | Live-Musik | Energiesparlampe | Café
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