Erstaunlich, wie man heftige politische Stürme und zornige Aufwallungen der Volksseele so unverbogen überstehen kann und am Ende sogar allseits der Respekt wächst. Wie nur hat sie das gemacht?

Jutta Limbach ist, ganz einfach, ziemlich unerschrocken. Nach 17 Jahren als Professorin für Rechtssoziologie an der Freien Universität Berlin wechselte sie, 55-jährig, in die Politik. Es war das sagenhafte Jahr 1989, als sie im ersten rot-grünen Berliner Senat das Justizressort übernahm, berüchtigt wegen seiner umfangreichen „Schafottliste“ (Limbach), die Justizsenatoren das Leben zur Hölle machen konnte. Gelegenheit dazu bot sich dann auch gleich. RAF-Häftlinge waren im Hungerstreik, sie wollten zusammengelegt werden. Jutta Limbach prüfte die Sache gründlich, sprach gar mit zwei weiblichen Gefangenen und entschied für partielle Zusammenlegung. Viele ihrer Justizminister-Kollegen in den Ländern protestierten, die Berliner CDU heulte auf, die Frau sei ein Sicherheitsrisiko. Das wiederholte sich, als Jutta Limbach die „politische Abteilung“ der Berliner Staatsanwaltschaft auflöste.

Die Sozialdemokratin muss aber doch eine Menge richtig gemacht haben, denn sie blieb nach den ersten Gesamtberliner Wahlen in der Großen Koalition auf ihrem Posten, auf dem nun wahrlich historische Aufgaben gelöst werden mussten: Verfolgung des DDR-Unrechts, Überprüfung von ostdeutschen Richtern, Aufbau der Justiz im Osten Berlins. Links wie rechts, Ost wie West hatten manchmal sehr unterschiedliche Vorstellungen von den Möglichkeiten des Rechtsstaats, Verbrechen einer Diktatur aufzuarbeiten. Mal war Jutta Limbach den einen zu lasch, mal den anderen zu scharf („Oberhexenjägerin“). Wirklich gepatzt hat sie nur einmal: Die Justizsenatorin kritisierte öffentlich ein unabhängiges Gericht, weil es den alten, kranken Honecker freigelassen hatte.

Doch als es galt, im Frühjahr 1994 Bilanz zu ziehen beim Wechsel der Senatorin von Berlin nach Karlsruhe, da fiel kein einziges böses Wort. Härte und Konsequenz, politische Empfindsamkeit und ein hoch entwickeltes historisches Bewusstsein wurden ihr attestiert – von politischen Freunden und Gegnern gleichermaßen. Dass sie auch „eine Meisterin der öffentlichen Kommunikation“ ist, wie ein Weggefährte schwärmte, musste Jutta Limbach so richtig erst in Karlsruhe unter Beweis stellen – zunächst als Vizepräsidentin, dann, nachdem Roman Herzog Bundespräsident geworden war, als Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts.

Das „Kruzifix-Urteil“: die Republik raste. Der Spruch zum Gebrauch des Tucholsky-Zitats „Soldaten sind Mörder“, die Erlaubnis von Sitzblockaden, die Genehmigung zum Schächten nach islamischem Ritus – liberale Urteile, die auf viel Empörung stießen. Aufklärung musste her, das Gespräch, das Vermitteln, Erläutern. Jutta Limbach beherrscht das alles selbst in klarer Sprache – aber jetzt musste etwas Neues geschehen: Die bei den Deutschen angesehenste Institution der Republik brauchte endlich einen Pressesprecher, fand die Präsidentin, und bestallte eine Sprecherin, die sehr kompetent agierte.

Jutta Limbach ist eine Feministin und darf das auch sagen, ohne Hohn und igitt zu ernten. Die bald 70-Jährige hat drei Kinder großgezogen, zusammen mit ihrem Mann und – „Wir waren privilegiert“ – einer Kinderfrau. Wenn es uns gelänge, hat sie einmal gesagt, „wie die Franzosen eine ganztägige, bezahlbare, gute Kinderbetreuung zu haben, dann wären wir einen großen Schritt weiter“.

Einen großen Schritt auf neues Terrain wagte Jutta Limbach, als sie im Mai 2002 das Amt der Präsidentin des Goethe-Instituts übernahm – auch hier wieder die erste Frau. Und durchaus nicht allseits erwünscht. Inzwischen wissen wir: Eine brillante Juristin kann auch Dichter würdigen. Und eine kleine Frau mit leiser Stimme kann eisenhart und sehr geschickt zugleich Personal austauschen, Ziele anpeilen und umsetzen. So richtig übel nehmen mögen ihr nur noch wenige Puristen, dass sie in fast jede ihrer Reden ein ceterum censeo flicht: „Auch unser Rechtssystem ist ein Kulturgut.“ Im Übrigen eines, an dessen Export in die neuen Demokratien Europas Jutta Limbach seit langem beteiligt ist.