W enn der Name Alan Bullock fällt, denkt man sofort an seinen Geniestreich von 1952: die erste wissenschaftliche Biografie Hitlers (A Study in Tyranny), bereits ein Jahr später ins Deutsche übersetzt. Darin schilderte der britische Historiker den deutschen Diktator als einen prinzipienlosen Opportunisten, getrieben nicht von seinen rassenideologischen Wahnvorstellungen, sondern allein vom Willen zur Macht. Die Hitler-Forschung der folgenden Dekaden hat dieses Bild korrigiert - und doch bleibt das fulminante Debüt bis heute - neben den großen Biografien von Joachim C. Fest und Ian Kershaw - lesenswert wegen seines unaufgeregten, jeder Neigung zur Dämonisierung entsagenden Tonfalls. In die Wiege gelegt war dem 1914 geborenen Sohn eines Gärtners und eines Dienstmädchens die akademische Laufbahn nicht. Im Jahr von Hitlers "Machtergreifung" 1933 begann er sein Studium in Oxford. Und dorthin kehrte er nach dem Zweiten Weltkrieg, währenddessen er für den Europa-Dienst der BBC gearbeitet hatte, als Dozent zurück. Er war Gründungsrektor des berühmten St. Catherine's College und Vizekanzler der Universität. 1976 wurde er vom britischen Premier Harold Wilson ins Oberhaus berufen. Obwohl mit administrativen Aufgaben überhäuft, fand Alan Bullock immer noch Zeit für zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, darunter vor allem eine dreibändige Biografie des Gewerkschaftsführers und Labour-Politikers Ernest Bevin. In seinem faszinierenden Alterswerk von 1991, der Doppelbiografie Hitler und Stalin, kehrte er noch einmal zu seinem Ausgangsthema der totalitären Diktaturen Europas zurück. Lord Bullock, einer der großen Historiker unserer Zeit, ist am 2. Februar im Alter von 89 Jahren in Oxford gestorben.