In der von Akazien gesäumten Gongtinan-Straße nahe dem Stadion gibt es zwei Geflügelgeschäfte, eins für gebratenes Enten- und eins für gebratenes Hühnerfleisch. Normalerweise stehen die Leute davor Schlange. Doch seit vor zehn Tagen bekannt wurde, dass die Vogelgrippe in China ausgebrochen ist, bleibt die Kundschaft weg.

"Bei mir gibt es keine Hühner, ich habe mit der Vogelgrippe nichts zu tun", schiebt der Besitzer des Entengeschäfts unwillig die Schuld auf den Nachbarn ab. Nebenan aber will Su Hairu, ein gewandter Jungverkäufer von 18 Jahren, die Sorgen seiner Kunden nicht so leicht abtun. "Bei der Verarbeitung achten wir auf strenge Hygiene", erklärt er und zeigt ein paar Gummihandschuhe vor. Damit sortiert er die Ware: Leiber, Köpfe, Hälse, Flügel, Mägen, Lebern und Füße vom Huhn – jetzt, zur Zeit des chinesischen Neujahrs, von drei roten Laternen festlich beleuchtet. Doch an diesem Tag hat Su nur sieben Hühner verkauft, statt wie üblich Dutzende. Er kann es nicht begreifen. "Wir haben von Sars gelernt. Bei der Vogelgrippe wird von der Regierung nichts mehr verheimlicht. Außerdem ist meine Ware gebraten, und beim Braten sterben die Viren. Wissen die Leute das nicht?", fragt er hilflos.

Ähnlich sieht es der Präsident der Pekinger Landwirtschaftsuniversität: "Die große Panik wegen der Vogelgrippe ist fehl am Platz", sagt der bekannte Biogenetiker Chen Zhangliang und beschwört Ruhe im Land. "Bislang gibt es noch keinen einzigen Beweis für die Ausbreitung des Virus von Mensch zu Mensch."

Doch Abwiegler wie Chen werden diesmal kaum gehört. Dafür ist das Sars-Trauma vom vergangenen Frühjahr noch zu frisch, als die Virusgefahr wochenlang verschwiegen wurde. So sind heute viele Chinesen sicher, dass mit der Vogelgrippe erneut eine gefährliche Seuche über das Land zieht; und ebenso sicher sind sie, dass der Ausgang schlimmer sein könnte als jener der Sars-Epidemie mit ihren weltweit knapp 800 Toten. Die Zurückhaltung bei der Geflügelmahlzeit in der Gongtinan-Straße ist eines von vielen Indizien für das veränderte Volksbewusstsein.

Schon häufen sich die Warnrufe in den Chatrooms der großen Internet-Firmen: "Geht nicht mehr zu Kentucky Fried Chicken!", klingt es von sina.com. "Ohne Pressefreiheit sind alle Dementis der Regierung unglaubwürdig", wird da gewarnt.

Andererseits aber zeigt gerade die Berichterstattung in den staatlich zensierten Massenmedien, dass der Skandal der Sars-Vertuschung den Journalisten zu mehr Freiheit verholfen hat. Sie dürfen nun ausführlich die Memos der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zitieren, die sie während der Sars-Epidemie lange Zeit verschweigen mussten. Und diese Memos sind nicht gerade beruhigend. Sie besagen, dass China nur noch über ein ganz kleines Zeitfenster verfüge, um die Vogelgrippe einzudämmen; dass sich der Spielraum mit jedem Tag verringere; dass China, gerade was die Geflügelaufsicht betrifft, nur über ein sehr schwaches Kontrollsystem verfüge. Und dass sich, wenn das Vogelgrippevirus im Menschen zu einem neuen Erreger mutiere, welcher sich dann als auf den Menschen übertragbar erweise, eine Katastrophe mit Millionen Opfern drohe.

Nicht einmal die Regierung will die Warnungen der WHO einfach in den Wind schlagen. Dabei hatte sie zuvor alle Gefahr geleugnet. Noch Ende Januar hatte die japanische Regierung förmlich nachgefragt, ob es nach den Ausbrüchen der Vogelgrippe in ganz Ost- und Südostasien mit der angeblichen Ausnahme Chinas nicht doch auch Anzeichen für ungewöhnliche Hühnererkrankungen in der Volksrepublik gäbe – und ein empörtes Dementi geerntet. Nur Tage später aber recherchierten Hongkonger Medien Ausbrüche der Vogelgrippe in Südchina. Notgedrungen lenkten die Pekinger Kommunisten ein – und tun seither, was sie können im Kampf gegen die Vogelgrippe.

Schon reiste Premier Wen Jiabao zu betroffenen Geflügelfarmen in die Provinzen Anhui und Hubei, holte die Regierung zusätzliche WHO-Experten ins Land, wurden zigtausend Hühner in den Krisengebieten getötet. Doch hat die Grippe bereits ein Drittel aller Provinzen des großen Landes erreicht. Und selbst der Regierungschef räumte ein: "Die Bedingungen für die Geflügelzucht in den meisten ländlichen Gebieten sind noch rückständig, was die Vorbeugung besonders schwer macht."