Für die Beute muss es die Apokalypse sein. Der Angriff der schnellsten Raubtiere der Welt kommt mit Tempo 150. Und die Jäger kommen nicht mal in Atemnot. Aber Angst muss Stephan Schuster nicht haben. "Die sind ja so winzig", sagt der Tübinger Max-Planck-Forscher. Schusters Forschungsobjekt ist zwar das perfekte Raubtier, aber doch nur ein Bakterium; es misst mal gerade ein tausendstel Millimeter.

Für Menschen ist es also leicht, furchtlos zu bleiben. Unter dem Mikroskop dagegen lassen sich blutrünstige Jagdszenen beobachten. Nirgendwo ist die Bazillenwelt sicher vor Bdellovibrio bacteriovorus, dem bakterienfressenden Saugstab. Er lauert zu Wasser, zu Lande und auch im Säugetiergedärm. Kaum hat das Saugbazillus ein bakterielles Opfer erschnüffelt, prescht es los. Angetrieben von einer Flagelle, einer Art Hochgeschwindigkeitsschraube, "schafft es 110 Körperlängen in der Sekunde", versichert Schuster. Eine mörderische Blitzattacke, dem Opfer bleibt keine Chance zur Flucht. Doch das wahre Grauen kommt erst noch.

En détail hat das Forschungsteam des 42-Jährigen am Genomzentrum des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen nun die perfide Jagd- und Fresstechnik des mikrobiellen Wildbeuters ergründet. Nachdem die Wissenschaftler sämtliche 3782950 Genbausteine im ringförmigen Erbmolekül gelesen hatten, erkannten sie: Die Jagdmikrobe kann nicht weniger als 3584 unterschiedliche Eiweißtypen herstellen. Knapp die Hälfte des Proteinarsenals erfüllt bislang vollständig unbekannte Aufgaben. Doch die Funktionen der anderen, fast 2000 Bdellovibrio- Proteine können die Tübinger Genomexperten immerhin benennen – und ein erklecklicher Teil dient schauerlichem Tun, dem genüsslichen Ausschlürfen anderer Bakterien.

Der Wirt wird verflüssigt

Unter der Überschrift " A predator unmasked" ("Der enttarnte Jäger") zogen die deutschen Genomexperten vergangene Woche Bilanz im amerikanischen Forschungsblatt Science. In der Tat: Der Lebenszyklus des schon 1962 von dem deutschen Mikrobiologen Heinz Stolp entdeckten Bakterienfressers strotzt vor horriblen Episoden.

Schon nach kurzem Spurt ist das jeweilige Opfer gestellt – eine Vielzahl von so genannten gramnegativen Bakterien mundet dem Fresssack, der übrigens auch gern im Menschendarm Angst und Schrecken unter seinesgleichen verbreitet. Er springt auf die Zellwand der Beute, haftet sich fest und drischt der Wehrlosen sodann seine pili, molekulare Verankerungsfortsätze, in den Pelz aus Zuckern und Eiweißen.

Dann ist dieser Teil des Raubzugs vorbei, das Opfer aber noch nicht erledigt. Bdellovibrio wirft nun die Flagelle, sein Antriebsaggregat, ab und spuckt dann eine geballte Ladung aggressiver Enzyme aus; die einen spalten Eiweiß entzwei, andere zertrümmern das Zuckergerüst der Zellwand des Opfers. Der präzis gezielte Strahl Verdauungssaft brennt der Beute ein schwärendes Luk in die Flanke, gerade so groß, dass der Saugstab zur Invasion schreiten kann. Er schlüpft in den Körper seines Feindes und verschließt die Öffnung sorgsam hinter sich – wohl aus Sorge um die leckeren Körpersäfte des Angegriffenen.

Wann es dem so richtig an den Kragen geht, ist leicht zu sehen. Bdellovibrio bereitet seine Mahlzeit auf Mikrobenart. Rund 300 verschiedene Verdauungsenzyme setzen dem Inneren der Beute zu: Fettlösende, Eiweiß und Zucker spaltende Enzyme zertrümmern die tragenden Strukturen im Zellleib des Attackierten, verflüssigen seine Organellen. DNAsen und RNAsen zerhäckseln sein Erbgut in mundgerechte Häppchen. Dann schwappt nur noch eine nahrhafte Bakterienbrühe um den Eindringling und der Körper des Opfers hat sich von stäbchenförmig zur rund verformt – nichts ist mehr übrig, was es im Inneren in Form hielte. Bdelloblast nennen die Bakteriologen diesen Zustand letzter Agonie. Dann wirft Bdellovibrio mächtige Pumpen an. Gleich zwei Typen von Transporter-Eiweißen, auch das konnte Schusters Team aus des Jägers Erbgut herauslesen, lenzen den Körper des erschlafften Wirtes. Der Sauger nimmt alles mit, was verwertbar ist: Nitrate, Phosphate, Aminosäuren, Peptide und sonstige organische Verbindungen. Vor allem die Aminosäuren aus dem Zellsaft seiner Jagdbeute schlürft er nur zu gern – der Saugstab kann zehn der für seine eigene Eiweißproduktion nötigen Aminosäuren nicht selbst herstellen. Die dafür zuständigen Gene suchten die Tübinger Rechercheure vergebens im Genom der Raubbazille.