Die Eingebung kam Michael Kretzschmar über Weihnachten des Jahres 2001. Im täglichen Geschäft der Maschinenbau Manfred Schwab KG, einem weltweit führenden Hersteller für pneumatische Zangen, lief es damals nicht gut. Infolge der verschärften Wirtschaftsflaute nach den Anschlägen vom 11. September wurde Auftrag um Auftrag storniert. Es half auch nichts, dass Kretzschmar, Ingenieur und Chef der Firma, in jenem Jahr in seiner Heimatstadt Hamburg zum Unternehmer des Jahres gewählt worden war.

Also beschloss der 60-Jährige, sich einer Forderung seiner elf Patenkinder zu stellen. Er solle doch endlich einmal etwas für sie erfinden – und nicht immer nur die ollen Werkzeuge für Autofabriken oder Zahnärzte. Einen Monat lang tüftelte Kretzschmar wie besessen: Dann war "magtouch" da, ein neuartiges Spielzeug für Kinder und Erwachsene. Gleich am 1.Februar ging Kretzschmar mit den Plänen zum Patentamt.

Vom Himmel fiel die Idee freilich nicht. Der Ingenieur hatte schon vor längerem ein Magnetstabspielzeug gesehen. Als geomag und supermag ist es seit einigen Jahren im Handel zu haben. Doch Kretzschmar glaubte, man könne Magnete noch viel besser nutzen. "Kinder wollen das, was sie gebaut haben, auch in die Hand nehmen können und es vorzeigen", beschreibt er seine Überlegungen. Ein Akt, den die herkömmlichen Gebilde aus magnetischen Stäbchen selten überstehen. Ein neues System musste also stabiler sein.

Seit September 2003 ist magtouch nun in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Spielwarenhandel. Es besteht aus transparenten rot, blau, gelb, grün oder grau eingefärbten Kunststoffflächen, die mit kleinen, zylindrischen Hochleistungsmagneten in den Ecken versehen sind. Aufgrund der Beimischung des Metalls Neodym besitzen sie große magnetische Kraft. Die Magnetecken passen genau auf vernickelte Stahlkugeln, mit denen sich die Kunststoffteile verbinden lassen. Das fasst sich schön an und klickt beruhigend, wenn die Kugel an die kleinen Magnete andockt.

Mit magtouch lassen sich Strukturen von bis zu zweieinhalb Meter Höhe bauen, die fest zusammenhalten. Doch nicht nur die ursprüngliche Zielgruppe, Kinder ab drei Jahren, kann etwas mit dem Spielzeug anfangen. Zu den ersten Bestellern gehörte der Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg, wo magtouch zu therapeutischen Zwecken eingesetzt wird. Und auch Psychologen nutzen die variablen Baukästen, um anhand des individuellen Konstruktionsstils Erkenntnisse über ihre Klienten abzuleiten.

Meist wird es aber einfach als generationsübergreifendes Spielzeug genutzt. Das passt zu einem neuen Trend, den Steffen Kahnt vom Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels ausgemacht hat: "In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wächst die Familie stärker zusammen. Deshalb haben wir wieder viele Gesellschaftsspiele unter den meistverkauften Artikeln." Im Gegensatz zur generationenabschottenden PC- und Videospielwelt ist also wieder mehr Gemeinsamkeit gefragt. Das kommt auch magtouch zugute. Denn die Großeltern verstehen, was sie den Kindern schenken. Wie schon bei Lego oder fischertechnik.

Im ersten Geschäftsjahr (2003/04) rechnen die magtouch-Produzenten bereits mit 100000 verkauften Baukästen, für die darauf folgenden Jahre schon mit 250000 und 500000 Stück. Bei Preisen zwischen 15,90 Euro für den kleinsten und 249 Euro für den größten Kasten wäre das eine beachtliche Leistung. Beitragen soll dazu, dass Kretzschmar sein Spielzeug bald in ganz Europa sowie in Kanada und den USA verkauft.

Nachdem im vergangenen Jahr auf der Spielwarenmesse in Nürnberg gerade mal die ersten Prototypen zu sehen waren, präsentieren die Hamburger bei der in dieser Woche anlaufenden Messe eine deutlich erweiterte Kollektion: Zu ihr gehören vor allem kreuzförmige Figuren. Und für die nächsten Jahre hat Kretzschmar zusammen mit seiner aus Maschinen- und Automobilbau erfahrenen Entwicklungsabteilung weitere Formen und Varianten aus Holz und Aluminium erprobt.