Kaum ein Klassiker der Wirtschaftstheorie hat in den letzten Jahren mehr Zitate verbuchen können als Joseph Schumpeter, dessen Theorie von der "schöpferischen Zerstörung", 1911 publiziert, bündiger denn je den Geist des modernen Kapitalismus zu beschreiben scheint. Und nicht wenige Neoliberale haben den "Schumpeterschen Unternehmer" beschworen, um gegen alle Widerstände eines deutschen "Reformstaus" volle Bewegungsfreiheit für die Kräfte des Marktes zu fordern. Schließlich stammt von Schumpeter die heute weit rezipierte Theorie der "Innovation", auf die sich noch jede wirtschaftspolitische Brandrede bezieht, die den Standort Deutschland für das Zeitalter der Globalisierung fit machen möchte.

Auch die Spitzenleute des deutschen Managements, die jetzt vor dem Düsseldorfer Landgericht der schweren Untreue angeklagt sind, würden gewiss für sich in Anspruch nehmen, zu jenen "Revolutionären der Wirtschaft" zu zählen, denen Schumpeter in seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung einst ein Loblied gesungen hat: zwar rücksichtslos, aber bahnbrechend und somit für die Steigerung des Wohlstands unersetzlich zu sein.

Die Tatsache, dass der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann wie auch Klaus Esser und die anderen Vorstände des einstigen Mannesmann-Konzerns keine Unternehmer in des Wortes ursprünglicher Bedeutung sind, müsste sie an einem solchen Selbstbild nicht hindern. Hatte Schumpeter doch nicht das Eigentum an Produktivkapital, sondern vielmehr das "unternehmerische Handeln" zur hervorstechenden Eigenschaft jener Revolutionäre erklärt, die ständig neue Möglichkeiten in der "Kombination von Dingen und Kräften" ersinnen und darin rastlos nach vorn drängen – mit der "Gewinngröße als Erfolgsindex und Siegespfosten".

Einen solchen "Siegespfosten" versuchte Josef Ackermann offenbar zu errichten, als er zu Beginn des ersten Verhandlungstags das Victory-Zeichen machte und sich darüber beschwerte, dass Deutschland das einzige Land sei, "wo diejenigen, die erfolgreich sind und Werte schaffen, deswegen vor Gericht stehen".

In der Öffentlichkeit konnte er damit wenig Eindruck machen, stellte er in seinem ganzen Auftreten doch unfreiwillig heraus, was das heutige Topmanagement vom Leitbild des Schumpeterschen Unternehmers nicht unwesentlich unterscheidet. Wird diesem das Geschick nachgesagt, durch wirtschaftlichen Wettkampf Innovationen in Unternehmen und Gesellschaft zu erzwingen, so versammeln sich vor dem Düsseldorfer Gericht Führungskräfte, die beschuldigt werden, nach dem Abbruch des Wettkampfes mit Vodafone sich mit Millionenprämien versorgt und rein im eigenen Interesse gehandelt zu haben.

Alle sozialen Regeln durchbrechen

Zulasten der eigenen Kasse vergab das Präsidium des Mannesmann-Aufsichtsrats 111 Millionen Mark an Prämien und Abfindungen an seine Vorstandsriege, nachdem diese ihren ursprünglichen Widerstand gegen die feindliche Übernahme durch den britischen Mobilfunkkonzern aufgegeben hatte. 60 Millionen davon erhielt Vorstandssprecher Esser, der in der verlorenen Abwehrschlacht eben erst 400 Millionen Mark in den Sand gesetzt hatte. Gut die Hälfte davon war ihm ursprünglich von jenen Parteien angeboten worden, die vom Verlust der unternehmerischen Selbstständigkeit des Mannesmann-Konzerns die größten Vorteile hatten, darunter vom Großaktionär Hutchison Whampoa, der auf die Wertsteigerung seines Portefeuilles spekuliert hatte.