Mannesmann-Prozess „Schöpferische Zerstörung“?Seite 3/3
Kritische Stimmen sehen darin zu Recht die Norm der Leistungsgerechtigkeit in fundamentaler Weise verletzt, weil diese die prinzipielle Vergleichsmöglichkeit erbrachter Anstrengungen und erzielter Erträge zu ihrer Voraussetzung hat. Derjenige, dessen Erträge sich allen Leistungsvergleichen entziehen, muss sich daher fragen lassen, womit er seine immensen Vorteile eigentlich verdient.
Neidgefühle spielen dabei durchaus eine gewisse Rolle – aber es ist das heutige Management selbst, das in seiner eigenen sozialen Nachbarschaft der globalen Führungskräfte ostentative Millioneneinkünfte benutzt, um den persönlichen Kurswert weiter nach oben zu treiben und Konkurrenten neidisch zu machen. Wer auf den Ranglisten der bestbezahlten Topmanager obere Plätze einnimmt, betreibt „Impression Management“ für sich selbst, das sich bei nächster Gelegenheit finanziell wieder auszahlen kann.
Die moderne Gesellschaft, die ihrem Selbstverständnis nach keine ständischen Bevorrechtungen kennt und soziale Statusunterschiede allein durch Leistungsdifferenzen legitimiert, war stets schon von Phänomenen durchdrungen, die vormodernen Zeiten entstammen. Der Mannesmann-Prozess zeigt beispielhaft, dass sich inmitten der vermeintlich modernsten Wirtschaftskultur in Wirklichkeit längst ein ökonomischer Neofeudalismus verbreitet hat. Getragen von einer wirtschaftlichen Ideologie, die unternehmerischen Erfolg allein an den Cash-Flows aus Aktienwerten bemisst, etablierte sich eine ständisch privilegierte Managerklasse, die für den Shareholder-Value die notwendigen Dienste erbringt. Wie einst aus der orientalischen Mogul-Herrschaft bekannt, wird solche Dienstbarkeit mit „fiskalischen Pfründen“ (Max Weber) entgolten, die faktisch wie Renten wirken und „nach dem Ertrage geschätzt und verliehen“ werden.
Was die Herrschaft der heutigen Managerklasse von ihren historischen Vorgängern unterscheidet, ist allein, dass der Pfründenfeudalismus keine Aufsichtsräte kannte, in denen die Ministerialen des Börsengewinns eigene Herrengewalt ausüben dürfen und sich ihre Pfründen selbst genehmigen und untereinander verteilen. Der Auffassung von Joseph Schumpeter nach sollten wirtschaftliche Akteure, die sich in dieser Weise nur für ihre Gewinnbeteiligung interessieren, übrigens nicht „Unternehmer“ genannt werden, sondern allenfalls: „Kapitalisten“.
Sighard Neckel ist Professor für Allgemeine Soziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Mitglied der Leitung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien von ihm im Frankfuter Campus Verlag die Essaysammlung „Die Macht der Unterscheidung“
- Datum 24.10.2006 - 12:13 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.02.2004 Nr.7
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