gesellschaft
Vermessene Schönheit
Was zieht Frauen an Männern an und umgekehrt? Psychobiologen suchen nach der Weltformel der Attraktivität. Dabei wird sogar der Ödipus-Komplex wiederentdeckt
Wer seinen Schatz richtig „süß“ findet, macht ihm nach Meinung von Victor Johnston ein zweifelhaftes Kompliment. „Unser Gehirn hat lediglich gelernt, auf bestimmte Reize positiv zu reagieren“, doziert der Biopsychologe von der University of New Mexico. „Wären wir Mistkäfer, hielten wir Mist für ,süß‘.“ Genauso sei es auch mit der Wahrnehmung von erotischer Ausstrahlung: Ein Grinsen wie Brad Pitt, ein Hintern wie Jennifer Lopez – letztlich reagierten wir darauf wie Käfer auf Mist.
Ein drastischer Vergleich, zugegeben. Doch vielleicht müssen Forscher, die sich ihr Leben lang mit dem Thema Attraktivität beschäftigen, zu solch nüchternen Ergebnissen kommen. Denn all der Zauber der Geschlechteranziehung zerfällt im kalten Licht der wissenschaftlichen Analyse zu dürren Daten und simplen Reaktionsmechanismen. Und versucht man, daraus eine allgemeine Theorie abzuleiten, kommen meist nur platte Botschaften heraus: Männer suchen schöne Frauen, und Frauen suchen reiche Männer. Anziehend ist, was Fortpflanzungserfolg verheißt. Der Mistkäfer lässt grüßen.
Gleichwohl: Attraktivitätsforschung hat Konjunktur. Schließlich ist das Aussehen im Medienzeitalter wichtiger denn je – für Werbeträger, Politiker oder Singles auf Partnersuche. So ergründen Psychologen rund um den Globus, welche Menschen als „schön“ gelten und was die Anziehungskraft des anderen Geschlechts ausmacht. Warum etwa bevorzugen Männer, die über 5000 Euro verdienen, Partnerinnen, die rund zehn Jahre jünger sind? Welchen Einfluss hat das Aussehen der Eltern auf den künftigen Partner? Und wie wirkt Östrogen auf der Partnerpirsch?
All das sind Fragen, über die nicht nur beim Partyplausch nach dem dritten Cocktail spekuliert wird, sondern auch in der Wissenschaft. So versucht beispielsweise David Perrett im Perception Lab (Wahrnehmungslabor) an der schottischen St. Andrews University die Geheimnisse der Anziehungskraft zu ergründen. Am Computer generiert er zu diesem Zweck unterschiedliche Konterfeis menschlicher Gesichter, die er von Versuchspersonen beurteilen lässt. Tausende von Porträts hat Perrett bereits in seiner Kartei – ein solider Grundstock für seine Spielereien.
Durchschnitt gewinnt
So haben die Forscher des Perception Lab mit Hilfe mathematischer Verfahren aus zahlreichen Porträtfotos „Durchschnittsgesichter“ erstellt. Das verblüffende Resultat: Je mehr Einzelporträts dabei vermischt werden, desto anziehender wirkt das Endprodukt auf die Betrachter. Daraus schließt Perrett, dass nicht etwa das besondere, „aparte“ Gesicht als attraktiv gilt, sondern gerade das durchschnittliche. Die 08/15-Visagen erzielten auf seiner Attraktivitätsskala sogar mehr Punkte als manches Fotomodell. Außerdem wurden „symmetrisch angeglichene“ Gesichter eindeutig solchen vorgezogen, die leichte (natürliche) Asymmetrien aufwiesen.
Das Mittelmaß scheint nicht nur in den Augen von Briten sexy zu sein: „Die Menschen sind sich rund um den Erdball weitgehend einig, welches Gesicht schön ist“, behauptet Perrett. In einem Experiment hat er die Porträts von Schotten in Japan beurteilen lassen und umgekehrt. Die Resultate deckten sich mit denjenigen aus Tests in der Heimat der Abgebildeten.
Mit einer ähnlichen Methode arbeitet auch der Biopsychologe Victor Johnston. Er hat an der University of New Mexico ein Computerprogramm entwickelt, um menschliche Gesichter gezielt zu verändern, von einem „hypermaskulinen“ (Marke Schwarzenegger) bis zu einem „hyperfemininen“ Aussehen (à la Nicole Kidman). Tausenden von Versuchspersonen wurden diese Kunstgesichter vorgeführt und nach dem attraktivsten gefragt. Ergebnis: Männer stehen unisono auf das Gesicht mit den femininsten Zügen. Je voller die Lippen, je dezenter das Kinn und je höher die Wangenknochen einer Frau, umso attraktiver. Für Evolutionsbiologen ein klarer Befund: Diese Geschlechtsmerkmale hängen mit der Ausschüttung des weiblichen Sexualhormons Östrogen in der Pubertät zusammen. Und da ein hoher Östrogenspiegel für Gesundheit und Fruchtbarkeit spreche, stünden Männer eben auf Frauen mit typisch femininen Gesichtszügen. It’s the evolution, stupid .
Frauen dagegen zeigen differenziertere Vorlieben. Längst nicht alle fliegen auf maskuline Männervisagen – was der Evolutionsbiologie zunächst zu widersprechen scheint; ein breiter Kiefer und ein markantes Kinn weisen schließlich auf einen hohen Spiegel des männlichen Sexualhormons Testosteron hin. Doch auch dazu fällt den findigen Forschern etwas ein: Womöglich spiele da ein unbewusstes Sicherheitsdenken eine Rolle, sagt Perrett. Feldforscher hätten Hinweise darauf gefunden, dass Männer mit hohem Testosteronspiegel weniger Zeit in ihre elterlichen Pflichten investieren und öfter fremdgehen; Männer mit femininen Gesichtszügen seien dagegen gute Väter.
So weit die gute Nachricht für die Softies. Nun die schlechte: Der Geschmack von Frauen ändert sich im Lauf des Menstruationszyklus. Während des Eisprungs – wenn eine Befruchtung am wahrscheinlichsten ist – gelten plötzlich Macho-Typen als attraktiv, die aussehen wie der idealtypische Proletarier auf einem sozialistischen Propagandafoto. So liefert die Attraktivitätsforschung durchaus verwirrende Botschaften.
Der Evolutionspsychologe David Buss von der University of Texas in Austin bringt für Frauen – neben Kinderliebe und Testosteronhaushalt – noch einen weiteren Faktor ins Spiel. Nachdem er die Vorlieben bei der Partnerwahl in 37 Kulturen auf sechs Kontinenten untersuchte, kam er zu dem Schluss: Frauen bevorzugen Männer mit Macht und Geld. Den Stand finanzieller Ressourcen bewerten jedenfalls Frauen bei der Partnersuche doppelt so hoch wie Männer. Selbst beim Stamm der Bakweri in Kamerun fanden die Forscher diese Vorliebe für reiche Männer – obwohl dort die Frauen traditionell über mehr Eigentum verfügen.
In der Männerwelt dagegen fand Buss aufs schönste alle gängigen Vorurteile bestätigt: Die Herren der Schöpfung achten nicht nur auf feminine Gesichtszüge, sondern vor allem auf ein Jennifer-Lopez-artiges Verhältnis von Hüfte zu Taille (idealerweise 1: 0,7).
Wissenschafter der Polytechnischen Universität in Kowloon (Hongkong) haben inzwischen eine noch charmantere Methode gefunden, um die allgemeine weibliche Attraktivität zu messen. Ihr sogenannter Volume Height Index (VHI) errechnet sich nach der Formel „Volumen / Größe2“. Der Forscher Jintu Fan und sein Team spielten ihren Versuchspersonen Filme von Frauenkörpern in Bewegung vor und ließen sie hinterher deren Schönheit beurteilen. Das Resultat: Je niedriger der VHI, desto attraktiver die Frau. Es gibt da allerdings noch ein kleines Problem: Bei gleichem VHI-Wert kann ein Frauenkörper „schlauchförmig“ oder „kurvig“ sein, mussten die Wissenschafter aus Hongkong feststellen. Deshalb seien zur „Feinbestimmung“ der Attraktivität nach wie vor zusätzliche Kenngrößen – wie etwa die Beinlänge – sinnvoll. So einfach ist es mit der Weltformel der Attraktivität eben doch nicht.
Klar herausarbeiten konnte der amerikanische Evolutionspsychologe David Buss im Rahmen seiner Feldforschung immerhin, dass Männer auf der ganzen Welt gerne nach Partnerinnen Ausschau halten, die (im Schnitt dreieinhalb Jahre) jünger sind als sie selbst. Das trifft sich mit einer gewissen Vorliebe von Frauen für ältere Männer, worin Buss ein Erbe der Urzeit vermutet. Damals hätten Männer mit Mitte 30 ihre größten Jagderfolge erzielt, während „der Fortpflanzungswert der Frau“ vom 20. Lebensjahr an beständig gesunken sei. Daran habe sich bis heute nicht viel geändert, glaubt Buss. „Jedes Mal, wenn wir ein Gesicht betrachten, fragen wir uns unbewusst, was der Träger oder die Trägerin für die Weitergabe unserer Gene tun kann“, postuliert der überzeugte Darwinist.
Alles Schlampen außer Mama
Freilich liegt die Urzeit nun schon etwas zurück, und nichts zeichnet den Menschen mehr aus als seine Fähigkeit, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Welchen Einfluss auf den Sexappeal haben heute kulturelle Errungenschaften wie Kunst, Philosophie oder das Privatfernsehen? Talente auf solchen Gebieten ähneln aus Sicht der Paarungsforscher dem Schwanz des Pfaus: Sie hätten zwar keinen praktischen Nutzen für das Überleben, aber einen indirekten, indem sie hauptsächlich dem Zweck dienten, paarungsfreudige Partner anzulocken.
Wer derart tief im atavistischen Unbewussten des Menschen gründelt, kann noch ganz andere Effekte hervorzaubern. Die schottischen Wahrnehmungsforscher sind zum Beispiel auf den Ödipuskomplex gestoßen. Angeblich sollen wir nichts so attraktiv finden wie unsere eigenen Eltern. Das schließt das Perception-Lab-Team aus einer Testreihe, bei der am Computer die Gesichter der Probanden verwandelt wurden: Männer- in Frauengesichter und umgekehrt. Prompt zeigten sich viele Betrachter über den andersgeschlechtlichen Gegenpart ihrer selbst entzückt. Sie erkannten sich zwar nicht bewusst wieder, fühlten sich aber angesprochen. Da keimte in Perrett eine ungeheuerliche Idee: Erkennen die Männer in ihren eigenen Frauengesichtern womöglich gar nicht sich selbst, sondern ihre Mütter? Und sind Frauen am Bildschirm unbewusst auf der Suche nach ihrem Vater?
Um das zu überprüfen, stellte er einen weiteren Versuch mit Durchschnittsgesichtern an, deren Alter er künstlich veränderte. Und siehe da: Bei Versuchspersonen, deren Eltern bei der Geburt über 30 Jahre alt waren, kamen die älter gemachten Gesichter deutlich besser an als bei Probanden mit jungen Eltern. Daraus folgern die schottischen Forscher: Wer ältere Eltern hat, bevorzugt später tendenziell ältere Partner. Demografische Untersuchungen, sagt Perrett, würden dieses Resultat unterstreichen.
Hat also Sigmund Freud doch Recht? Der Erfinder der Psychoanalyse vermutete, dass alle Söhne unbewusst ihre Mütter begehren, und schuf damit den Mythos vom „Ödipuskomplex“. Allerdings hatte Freud von einzelnen Therapieklientinnen auf die Allgemeinheit geschlossen, und schon aus diesem Grund gilt sein Theorem heute vielen Experten als dubios. Wird er nun von David Perrett rehabilitiert? „Man braucht große Stichproben, um valide Aussagen machen zu können“, sagt Perrett vorsichtig, „aber die bisherigen Resultate sind vielversprechend.“
Immerhin haben Psychologen festgestellt, dass Frauen mit Eltern aus unterschiedlichen Kulturkreisen überzufällig häufig einen Partner aus der Ethnie wählen, aus der ihr Vater stammt. Und Männer wie Frauen scheinen Partner zu bevorzugen, die die gleiche Augen- und Haarfarbe wie ihr gegengeschlechtliches Elternteil haben. Auch aus der Tierforschung ist die Bedeutung der Prägung auf die Eltern bekannt. Britische Forscher ließen etwa Mutterschafe neugeborene Ziegen adoptieren und Mutterziegen frisch geborene Lämmer. Prompt versuchten die Männchen später, Weibchen der Art ihrer Adoptivmutter zu besteigen.
Zum Leidwesen mancher Evolutionsbiologen lassen sich solche Experimente beim Menschen nicht so leicht anstellen. Immerhin aber können sie die These der ödipalen Anziehung mit Erkenntnissen aus der Geruchsforschung untermauern: Ein Team um die Psychologin Martha McClintock von der University of Chicago ließ 49 unverheiratete Frauen an verschwitzten Männer-T-Shirts schnuppern. Es stellte sich heraus, dass die Frauen am liebsten den Geruch von Männern einatmen, die eine ähnliche genetische Ausstattung haben wie ihr Vater.
Denkt man das Ergebnis solcher Befunde konsequent durch, so wären Inzest und Inzucht die Folge, Degeneration statt erfolgreicher Fortpflanzung. Haben die Evolutionsbiologen da ein Eigentor geschossen? Mitnichten, meinen sie. Martha McClintock vermutet vielmehr, dass ein gewisses Maß an Inzucht sinnvoll sein könnte, wenn die daraus resultierende Genkombination „zur Vermeidung von Krankheiten vielversprechend erscheint“. Weitere Experten teilen diese Ansicht: Wenn man sich mit einem Verwandten paare, bewahre man Genkombinationen, die für das Leben in einer bestimmten Umgebung besonders günstig seien, argumentieren sie.
Der Zoologe Bill Amos von der University of Cambridge allerdings hält das für mehr als zweifelhaft. Seine Studien mit Seehunden haben ergeben, dass diejenigen Elterntiere, die am entferntesten miteinander verwandt sind, den vitalsten und fruchtbarsten Nachwuchs zeugen. Bill Amos ist zwar kein Freund animalischer Inzucht. Doch im Humanbereich sieht er die Sache ganz entspannt: „Die menschliche Population wächst exponentiell“, sagt er, „da ist diese Gefahr minimal.“ Die Suche der Frauen nach Gatten, die ihren Vätern gleichen, sei daher unproblematisch. Und was den Kinderwunsch betrifft, womöglich sogar clever: Immerhin hat sich der eigene Vater ja bereits erfolgreich fortgepflanzt. Zumindest einmal.
Doch worin besteht es denn nun, das gewisse Etwas? Sollten David Perrett und seine Perception-Lab-Kollegen Recht behalten, lässt sich diese Frage ganz einfach beantworten: Als Mann muss man sich von einer attraktiven Frau lediglich ein Foto ihres Vaters zeigen lassen, um zu wissen, ob man bei ihr landen kann. Und wenn man dem zufällig ähnlich sieht, kann man sie ja mal am eigenen T-Shirt schnuppern lassen.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.02.2004 Nr.7
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