Botswana Die Nacht mit dem Büffel
Im Okavangodelta kommt man den Tieren manchmal näher, als einem lieb ist: Drei Tage zu Fuß durch den Norden Botswanas
Wenn der Büffel kommt, sollte man schnell auf einen Baum klettern, selbst wenn es eine Dornenakazie istFoto: Michael Obert
Teller und Gläser splittern. Ein Tisch zerbricht. Funken stieben aus der Glut des Lagerfeuers. Die Erde bebt und lässt die Plattformen vibrieren, auf denen wir gerade einschlafen wollten – drei Meter über der Erde, umgeben nur von unseren Moskitonetzen und der afrikanischen Nacht. Etwas sehr Großes wütet in unserem Camp. Wir – fünf Wanderer aus Deutschland und Südafrika, unser Guide Newman und sein Gehilfe Sam – liegen still. Wir trauen uns nicht, die Taschenlampen anzuknipsen. Es riecht nach Stall. »Büffel!«, flüstert Newman, »Einzelgänger. Schlecht gelaunt.«
18 Stunden zuvor: ein duftender Morgen im Okavangodelta im Norden Botswanas. Zu Fuß verlassen wir das Chitabe Camp, die acht komfortablen Zelte unter uralten Leadwood- und Leberwurstbäumen, die strohgedeckte Speiseterrasse mit Bar und Bibliothek, den kleinen Pool – alles auf Pfähle gebaut und durch Hochwege miteinander verbunden. Die nächsten drei Tage folgen wir dem Chitabe Walking Trail durch die Wildnis. Schon bald hören wir fernes Löwengebrüll. Newman kniet sich hin und streckt die Hand aus, als wolle er den Horizont abtasten und so herauszufinden, ob die Löwen uns gefährlich werden können. Er predigt uns das erste Gebot im Umgang mit Löwen: »Egal, was passiert: niemals weglaufen! Wer wegläuft, ist Beute, Fleisch.«
Seit 30 Jahren führt der stämmige kleine Mann vom Volk der Buschleute Weiße durch die Wildnis – zuerst Großwildjäger, später Touristen. Newmans Eltern starben früh; er wuchs bei seinem Großvater auf, den er auf monatelangen Streifzügen durch die Kalahari begleitete. Newman kennt das Okavangodelta wie die verschlungenen Ornamente am Lauf seines Gewehrs, das er in all den Jahren noch nie benutzen musste.
Er lehrt uns auch das erste Gebot im Umgang mit Büffeln. »Wenn der Büffel kommt, macht er keinen Spaß«, mahnt Newman. Dann sollen wir rennen, am besten mit dem Wind im Rücken und zickzack, einen hohen Baum suchen und hinaufklettern, selbst wenn es eine Dornenakazie ist. »Und jetzt vergessen Sie alles wieder«, sagt Newman und schultert sein Gewehr. »Sonst können Sie die Wanderung nicht genießen.«
Wir gehen in einer Reihe, Newman vorn, sein Gehilfe Sam hinten, durch weite, sanft gewellte Ebenen, eine lichte Welt in Gelb und Grün. Wilder Jasmin wächst zwischen abgeweideten Grashalmen. Auf den trockenen Borsten klingen unsere Schritte harsch, wie auf überfrorenem Schnee. Hier und da liegen Tierschädel und -gerippe. Newman lässt seine ausgestreckte Hand über die Savanne gleiten und folgt Spuren, die nur er sehen kann. Dazu spricht er leise mit sich selbst in der Sprache der Buschleute mit ihren Kehllauten und hohen Klicks. Ihr Klang passt in diese seltsame Landschaft.
Wir zerpflücken lauwarmen Elefantendung mit den Händen
Der 1430 Kilometer lange Okavango entspringt im Hochland Angolas und trennt in seinem Verlauf Angola von Namibia; im Februar erreichen seine jährlichen Fluten den Norden Botswanas und verwandeln ein Gebiet von der Größe Schleswig-Holsteins in ein einzigartiges Naturparadies, ein Labyrinth aus Sümpfen, Seen und Lagunen. Tropische Vegetation trifft oft unmittelbar auf wüstenartige Dürre. Hier versammeln sich fast alle Tiere des Kontinents, darunter riesige Zebra-, Antilopen- und Elefantenherden, seltene afrikanische Wildhunde und das Sitatunga, eine sehr scheue Sumpfantilope.
Es scheint, als hätten wir dieses Tierreich ganz für uns allein. Keine Besuchermassen. Tagelang ist überhaupt kein Mensch zu sehen. Anders als im benachbarten Südafrika oder in Kenia zielt der Fremdenverkehr auf kleine Gruppen mit großer Kaufkraft, damit Geld ins Land kommt, ohne dass die Landschaft darunter leidet. Über die Hälfte aller Jobs im Delta hängen vom Tourismus ab. Nach dem Diamantenabbau ist er der zweitgrößte Wirtschaftszweig Botswanas, das trotz Arbeitslosigkeit, Landflucht und der Krise im benachbarten Simbabwe zu den sichersten und wohlhabendsten Ländern Afrikas zählt.
- Datum 05.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 05.02.2004 Nr.7
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