Männer unterscheiden sich von Frauen durch Bartwuchs, Brust und primäre Geschlechtsmerkmale. Tragen sie keine langen Haare und haben keine femininen Gesichtszüge, erkennt man auf den ersten Blick: Dies ist ein Mann. Von solchen Äußerlichkeiten abgesehen, wurden ihnen seit Jahrhunderten andere Rollen- und Verhaltensmuster angeheftet. Ein bisschen machomäßig, ein bisschen kriegerischer, machtgeiler. Draufgänger, die die Welt entdecken und erobern wollen, mehr an Beruf und Karriere interessiert, technikverliebt, sachbezogen, gefühlsärmer. Das Produkt einer Erziehung, die sie stets auf ihre Rolle in der Öffentlichkeit vorbereitet hat. Frauen sind das entsprechende Gegenteil. Von Natur aus sanfter, harmonischer, zurückgenommen, zurückgezogen lebend, eher an privaten Beziehungen interessiert, treusorgend, einfühlsamer.

So wollen es die alten Klischees. Und so deutet jetzt, kaum variiert, auch der britische Psychologe Simon Baron-Cohen die Geschlechterunterschiede. Er könne nichts dafür, sagt er. Dies seien schlicht die Ergebnisse seiner jahrelangen wissenschaftlichen Forschungen. Und die sind weitaus brisanter, als Sigmund Freud es uns wissen ließ (Prägungen der Kindheit) oder die Soziologen in den vergangenen Jahrzehnten erforscht haben (erlernte Rollenmuster). Der Professor behauptet, bereits vor der Geburt werde im Gehirn des Menschen die Weiche für einen weiblichen und männlichen Typus gestellt. Die Programme werden fundamental anders aufgebaut, für einen E-Typ und einen S-Typ. "E" steht dabei für Empathie, das auf Einfühlung ausgerichtete weibliche Gehirn, "S" für das männliche Gehirn, das die Welt vorwiegend systematisierend und analysierend begreifen will.

Salzwasserfische im Süßwasser

Der in Großbritannien geachtete Forscher erzählt in seinem neuen Buch nur wenig darüber, zu welchem vorgeburtlichen Zeitpunkt das Gehirn sein Steuerungssystem einrichtet. Eine andere Hormonkonzentration, sagt er. Mehr Speck erhält seine These anhand einer Studie, bei der 100 Babys am ersten Lebenstag untersucht wurden, ohne dass die Wissenschaftler ihr Geschlecht kannten. Die Ergebnisse sind in der Tat frappierend: Die weiblichen Säuglinge interessierten sich auffallend mehr für das Gesicht der jungen Forscherin über ihrem Bettchen als für ein in Farben und Bewegungen angeglichenes Mobile, das freilich abstraktere, technische Formen aufwies. Im Fazit auch anderer Studien: Mädchen und Frauen suchen Beziehungen zu Menschen. Jungen und Männer lassen sich lieber auf Dinge ein. Das Erste bedingt Nähe, das Zweite Distanz.

Baron-Cohen führt auch Untersuchungen an, die in der Psychologie längst zum Uni-Lehrstoff gehören. Etwa: Frauen sind sprachbegabter, Männer haben eine bessere räumliche Vorstellung. Darüber hinaus gewinnen für ihn zahlreiche landläufige Geschlechterunterschiede den exakten Nachweis im (teilweise bekannten) wissenschaftlichen Experiment. Kleine Mädchen etwa suchen beim Spielen sehr viel häufiger den Blickkontakt zur Mutter. In der Summe klingt das Material überzeugend: Wir können nicht aus unserer Geschlechtshaut, weil die grauen Zellen uns mehr steuern, als wir es nach einem Jahrhundert der Emanzipation wissen wollen.

Eine neue Gefangenschaft, eine neue Fesselung im früh programmierten Geschlechtsunterschied? Der Professor winkt ab. Nur eine Disposition, die man zur Kenntnis nehmen sollte. Freiheit winkt dann da, wo der Wissenschaftler seine eigenen Erkenntnisse in die Kurve jagt, wo er sie interpretiert und gesellschaftlich korrekt einordnet: Nur die Durchschnittsfrau will tendenziell andere Menschen eher verstehen und zu ihnen eine emotionale Verbindung herstellen. Nur in der Statistik neigen Männer dazu, ihre Wahrnehmungen eher in Systeme einzubringen, und schneiden bei Messungen des Systematisierungsvermögens besser ab. Diese Durchschnittshäufigkeit ist allerdings überraschend hoch.

Statt sich über solche Ergebnisse zu ärgern, sollten Frauen und Männer sich der positiven Deutung des Forschers anschließen. Was ist so schlimm daran, wenn sehr viele Frauen und Männer sich unterscheiden? Kein Gehirn muss mit einem Werturteil bedacht werden. Es ist nicht gut oder schlecht. Die Gesellschaft braucht beide Gehirntypen. "Salzwasserfische, die gezwungen werden, im Süßwasser zu leben, müssen sich unwohl fühlen." So erhofft sich der Professor von seinem Buch mehr Toleranz für grundlegende geschlechtsspezifische Unterschiede. Keine Frau mit einer eher emotionalen Grundhaltung sollte künftig deswegen diskriminiert werden. Mehr noch, weil er häufiger stigmatisiert wird: Keinem Mann sollte ein gefühlsmäßiger Mangel vorgeworfen werden, da er lediglich das Steuerungssystem seiner Leidenschaft für das Forschen, Entdecken oder das Austüfteln von Ordnungsmustern besitzt.

Wie sie dann zusammenleben, zusammenarbeiten sollen? Zum einen eben in jener gegenseitigen Achtung. Zum Zweiten – und da treibt es den Psychologen noch einmal vehement über die eigene Forschung hinaus – gibt es heute eine Menge individueller Gehirne, ausgewogene Exemplare, die beide Typen aufweisen. Frauen in Führungsfunktionen, die gern im Team arbeiten, Verständnis für ihre Mitarbeiter entwickeln und in ihrer Arbeit eine stark analysierende Fähigkeit besitzen. Männer in helfenden Berufen, die imstande sind, ihr Altenheim als ein Ordnungsgefüge interessanter Art zu begreifen. Da reiht sich Baron-Cohen doch einfach ein. Als Mann, der Psychologe wurde, um anderen zu helfen, der forscht und dankbar wahrnimmt, dass eine Mitarbeiterin grandiose wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnt. So dreht er das Rad der Geschichte nicht zurück, sondern passt seine Ergebnisse der ohnedies vorhandenen gesellschaftlichen Realität an.