Geschlecht Hirn allein reicht nichtSeite 2/2
Ein Leben nach dem Mutterleib
Wir haben Therapeutinnen und Krankenpfleger, Technikerinnen und Architekten, die auch die Gefühle ihrer Kunden verstehen und einplanen. Menschen offenbar, denen es gelungen ist, eine einseitige Gehirnprägung zu modifizieren und den ursprünglichen Stempel zu differenzieren. Wenn dies aber offenbar mühelos möglich ist durch Willen, Neigung, durch kulturellen Einfluss und sicher auch durch Ausbildung, verliert die Weichenstellung im Mutterleib an Gewicht, bleibt aber eine aufregende wissenschaftliche Entdeckung.
Doch mit dieser Verständnissuche für den – auch – tiefer ausgehobenen Graben zwischen Mann und Frau ist es dem Wissenschaftler nicht genug. Als Direktor am Zentrum für Autismusstudien weiß er, dass Autismus in der Regel die Folge eines extrem ausgebauten männlichen Gehirntypus sein kann. Einzelgänger, Sonderlinge, schon als Kind oft eigensinnig, herrschsüchtig und überaus akribisch in ihren Interessen. Eines Tages wundern sie sich, dass sie niemanden kennen, keine Kontakte aufbauen können, und gehen in eine Klinik. Sie leiden unter ihrer starken Prägung. Auch sie, so der Autor, brauchen unser Einfühlungsvermögen, da eine Gesellschaft selbst Extreme verkraften können müsse.
An die „Weiblichkeit“ aller Gehirne wird hier auffallend häufig appelliert. Wir brauchen sie also dringend. Was wäre, frage ich mich, wenn der statistisch so häufige Herr Jedermann dies gar nicht kann? Oder, schlimmer, wenn er sich jetzt, erst recht, auf Hormone, Gehirn, Natur und Wissenschaft beruft? Muss er sich dann nicht doch modifizieren?
Offenbar haben das viele ausgewogene Typen geschafft. Ebenso wie die Frauen in Umkehrrichtung. Gehirn zu haben reicht wohl nicht. Es zu benutzen im Sinne eines vielseitigen Einsatzes ist besser.
Simon Baron-Cohen: Vom ersten Tag an anders Das weibliche und männliche Gehirn; aus dem Englischen von Maren Klostermann; Walter-Verlag, Düsseldorf 2003; 331 S., 19,90 ¤Vom ersten Tag an andersSachbuchenglischDas weibliche und männliche Gehirn; aus dem Englischen von Maren KlostermannSimon Baron-CohenBuchWalter-Verlag2003Düsseldorf19,90331Maren Klostermann- Datum 05.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.02.2004 Nr.7
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