Was braucht eine Bundespräsidentin? Vorweg eine Vita, die nicht dem Regelmaß des deutschen Politikers gehorcht, also: Parteijugend, Studentenbund, Ortsverein, Mandat, Präsidium… Cornelia Schmalz-Jacobsen (hiernach: CSJ) hat zwar solche Stationen durchlaufen, dazu als Senatorin in Berlin, als FDP-Generalsekretärin, Ausländerbeauftragte und Bundestagsabgeordnete (1990 bis 1998) gedient. Im Kampf um den Münchner OB-Posten hat sie 1978 für ihre Partei die meisten FDP-Stimmen aller Zeiten herausgeholt. Aber sie hat auch drei richtige Jobs gelernt: Sängerin, Mutter und Journalistin. Schon mal drei Punkte.

Italienisch und Englisch kann sie auch – gut für eine ernsthafte conversazione mit Silvio Berlusconi, gut für Auftritte im Anglo-Ausland (also im Rest der Welt), wo frühere Präsidenten mit Ausnahme Weizsäckers den Dolmetscher oder Lübke-Englisch ("I went to dwarf school in the Sourland") bemühen mussten. Zwei Punkte.

Politisches Geschick? Darf man ihr unterstellen, hat sie doch als Generalsekretärin ersprießliche Beziehungen sowohl zu Graf Lambsdorff (dem Parteichef) als auch zu Hans-Dietrich Genscher (dem heimlichen Parteichef) unterhalten – zwei Punkte. Dass Helmut Kohl die Ausländerbeauftragte nie zu einem Gespräch einlud – damals war ja Deutschland bekanntlich kein "Einwanderungsland" –, darf man ihr mit einem Punkt gutschreiben. Rückgrat? Ihre Devise: "Ein Amt braucht man nicht zu behalten, aber die Selbstachtung." Diese wird sie von ihren Eltern gelernt haben, die während des Zwölfjährigen Reiches unter Einsatz ihres Lebens viele Juden vor dem vorbestimmten Tod gerettet hatten. "Mein Vater entschied", schreibt CSJ in Zwei Bäume in Jerusalem (2002), "besser die Kinder haben tote Eltern als feige Eltern." Die Mutter fügte hinzu: "Wenn wir beide zwei Menschenleben retten, sind wir quitt mit Hitler, und jedes zusätzliche Leben ist ein Reingewinn." Beide Eltern gehören zu den Deutschen, denen in der "Allee der Gerechten" in der Jerusalemer Gedenkstätte Jad Vaschem je ein Baum gepflanzt wurde.

Wie viele Punkte für die Anti-Nazi-Vergangenheit und die moralische Glaubwürdigkeit, die auch nach fünfzig Jahren demokratischer Entwicklung in Deutschland ihren Wert, zumal im Ausland, nicht verloren haben? Entscheiden Sie selber. Wie viele Punkte gibt es für sieben Jahre Kärrnerarbeit als Ausländerbeauftragte? Heute, da Einbürgerung leichter geworden ist, mag diese Arbeit nicht mehr ganz so umwälzend wirken wie weiland. Anderseits wird eine Bundespräsidentin, die sich sieben Jahre lang um Menschen ohne Stimmrecht gekümmert hat, ein Signal nach innen wie nach außen setzen. Auf jeden Fall ist diese Karrierephase eine feine Vorbereitung für ein Amt, das für alle da sein muss.

Was gehört noch zur Job-Beschreibung? Sie muss repräsentieren können. Kann sie, doch wollen wir aus Gründen der politischen Korrektheit nicht den kleidungspolitischen Geschmack einer Frau preisen. Dennoch: ein Punkt. Sie muss nachdenklich und abwägend sein, aber nicht nach der Maßgabe "einerseits, anderseits". Das heißt: Sie muss liberal im wahrsten Sinne des Wortes sein. "Liberal" heißt: Die Mittel sind wichtiger als der Zweck, weil üble Mittel stets die beste Absicht vergiften. Grundrechte wie Redefreiheit sind unantastbar. Nur so viel Staat wie nötig, so viel Freiheit wie möglich. Die Wahrheit? Sie ist kein beliebig Ding, kann aber auch nicht dekretiert werden, sondern entspringt einem nimmer endenden Verständigungs- und Experimentierprozess. Toleranz? Sie kennt nur eine Grenze: dort, wo die Intoleranz beginnt. Wer diese Vorstellung von Liberalismus teilt, wird CSJ fünf Punkte geben.

Muss die Präsidentin Humor haben? Sie wird ihn angesichts ihrer formalen Machtlosigkeit haben müssen. Hier gibt es mindestens zwei Punkte für CSJ. Muss sie so trinkfest sein wie manch männlicher Vorgänger im Amt? Eine unverschämte Frage. Muss sie ihre Reden selber verfassen können? Das kann die Journalistin, die auch häufig für die ZEIT geschrieben hat.

Schließlich: Muss sie sympathisch sein? Hier muss sich der Autor dieser Zeilen zurückhalten, weil er seit einem Vierteljahrhundert mit CSJ befreundet ist. Er betont allerdings mit der gebotenen Vehemenz, dass alles, was hier geschrieben steht, so objektiv ist wie eine Eichelsche Steuerschätzung.