Bevor Claudia Pflug die Treppen hinaufsteigt, wäscht sie sich noch schnell die Hände. Warum, das weiß sie nicht genau. Sie hat sich nicht schmutzig gemacht, sie hat den ganzen Morgen am Computer gesessen. Aber da ist ein unbestimmtes Gefühl, vielleicht das Gefühl, dass ihr gleich jemand die Hand reichen will. Es ist Freitag, der letzte Tag vor ihrem Urlaub, ein Freitag im August 2002. Als die 27-jährige Projektleiterin dem Chef des Nürnberger Ingenieurbüros am Haustelefon fröhlich erzählt, dass ihr Urlaub in ein paar Stunden beginne, hört der Chef nicht richtig hin und antwortet nur: "Frau Pflug, kommen Sie noch einmal hoch." Claudia Pflug schätzt ihren Chef sehr, seine verbindliche Art. Sie mag diesen 61-jährigen, honorigen Mann. Der ihr ein anständiges Gehalt zahlt, 3000 Euro im Monat, mehr, als Claudia Pflugs Eltern in Zittau zusammen verdienen. Der ihr die nötige Durchsetzungskraft auf Baustellen zutraut, die ein älterer Mann gemeinhin jungen Männern zutraut. Der ihr am Anfang schmeichelte: "Es ist wichtig, dass Sie sich bei uns wohlfühlen und lange bei uns bleiben." Claudia Pflug fühlt sich sehr wohl.

Sie lacht gerne, sie ist ein zuversichtlicher Mensch. Aber an diesem Tag bleibt ihr schmales Gesicht regungslos. Claudia Pflug weint auch nicht, ihre Gedanken ziehen ins Leere. Die Sekretärin des Chefs legt Claudia Pflug das Kündigungsschreiben vor und bittet um Bestätigung der Kenntnisnahme durch Unterschrift. Claudia Pflug unterschreibt. Sie will allein sein an diesem Nachmittag und setzt sich schweigend in ein Café. Sie verbietet sich, demnächst Gefühle zu zeigen, wenn ihr der Chef zum Abschied einen Strauß Sonnenblumen überreichen wird.

Wenn nicht sofort etwas geschieht, wird sie bald eine von diesen mehr als vier Millionen sein, den mehr als vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland. Claudia Pflug, Examensnote 1,6, hätte nie gedacht, dass auch sie einmal gemeint sein könnte, wenn der Chef der Bundesagentur für Arbeit, nur ein paar Straßen entfernt von ihrem Büro, die beängstigende Zahl mit der 4 vor dem Komma in farbenfrohe Mikrofone spricht.

Ihre Eltern ruft Claudia Pflug zunächst nicht an, auch ihren Freund Thomas nicht, mit dem sie in einem Reihenhaus am Rande Nürnbergs wohnt, 140 Quadratmeter, mit einem kleinen Garten. Claudia Pflug will innerlich vorbereitet sein, wenn sie mit anderen über die Kündigung spricht, sie will sich schon einer Lösung nähern. Nie hat sich Claudia Pflug ihren Optimismus kaputtmachen lassen, und sie nimmt sich vor, dass auch der deutsche Arbeitsmarkt dazu nicht imstande sein soll.

"Bald habe ich wieder Arbeit, bestimmt"

Erst am Abend erzählt sie Thomas von ihrem Rausschmiss. Er weiß, was eine Kündigung anrichten kann. Thomas ist fast zwanzig Jahre älter als seine Freundin, Vertriebsleiter in einer Nürnberger Firma, zuständig für Personal. Dem Unternehmen geht es nicht gut, und Thomas muss vielen Leuten kündigen. Bis zum Jahresende wird er acht Niederlassungen seiner Firma "auflösen" müssen. Manchmal weinen Menschen, wenn sie sein Büro verlassen, manchmal beschimpfen sie ihn. Führungskräfte, die er entlässt, müssen sofort ihren Dienstwagen abgeben. Er bietet ihnen an, sie nach Hause zu fahren. Einmal bittet ein gekündigter Büroleiter, den er zu Hause absetzen will, Thomas noch zu sich herein, in das Einfamilienhaus, für das sich der Büroleiter hoch verschuldete. Die Kinder spielen im Wohnzimmer, zu seiner Frau sagt der Büroleiter: "Das ist Herr Köster. Er hat mich gerade entlassen." Thomas weiß nichts zu entgegnen und verabschiedet sich hastig.