leben in deutschland, (19) Wie man in Deutschland arbeitslos ist
Es kann jeden treffen, jederzeit. Claudia Pflug ist jung und gut ausgebildet. Als sie ihren Job verliert, bleibt sie zunächst optimistisch. 70 Absagen später ist ihr Leben aus dem Takt geraten
Bevor Claudia Pflug die Treppen hinaufsteigt, wäscht sie sich noch schnell die Hände. Warum, das weiß sie nicht genau. Sie hat sich nicht schmutzig gemacht, sie hat den ganzen Morgen am Computer gesessen. Aber da ist ein unbestimmtes Gefühl, vielleicht das Gefühl, dass ihr gleich jemand die Hand reichen will. Es ist Freitag, der letzte Tag vor ihrem Urlaub, ein Freitag im August 2002. Als die 27-jährige Projektleiterin dem Chef des Nürnberger Ingenieurbüros am Haustelefon fröhlich erzählt, dass ihr Urlaub in ein paar Stunden beginne, hört der Chef nicht richtig hin und antwortet nur: „Frau Pflug, kommen Sie noch einmal hoch.“ Claudia Pflug schätzt ihren Chef sehr, seine verbindliche Art. Sie mag diesen 61-jährigen, honorigen Mann. Der ihr ein anständiges Gehalt zahlt, 3000 Euro im Monat, mehr, als Claudia Pflugs Eltern in Zittau zusammen verdienen. Der ihr die nötige Durchsetzungskraft auf Baustellen zutraut, die ein älterer Mann gemeinhin jungen Männern zutraut. Der ihr am Anfang schmeichelte: „Es ist wichtig, dass Sie sich bei uns wohlfühlen und lange bei uns bleiben.“ Claudia Pflug fühlt sich sehr wohl.
Sie lacht gerne, sie ist ein zuversichtlicher Mensch. Aber an diesem Tag bleibt ihr schmales Gesicht regungslos. Claudia Pflug weint auch nicht, ihre Gedanken ziehen ins Leere. Die Sekretärin des Chefs legt Claudia Pflug das Kündigungsschreiben vor und bittet um Bestätigung der Kenntnisnahme durch Unterschrift. Claudia Pflug unterschreibt. Sie will allein sein an diesem Nachmittag und setzt sich schweigend in ein Café. Sie verbietet sich, demnächst Gefühle zu zeigen, wenn ihr der Chef zum Abschied einen Strauß Sonnenblumen überreichen wird.
Wenn nicht sofort etwas geschieht, wird sie bald eine von diesen mehr als vier Millionen sein, den mehr als vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland. Claudia Pflug, Examensnote 1,6, hätte nie gedacht, dass auch sie einmal gemeint sein könnte, wenn der Chef der Bundesagentur für Arbeit, nur ein paar Straßen entfernt von ihrem Büro, die beängstigende Zahl mit der 4 vor dem Komma in farbenfrohe Mikrofone spricht.
Ihre Eltern ruft Claudia Pflug zunächst nicht an, auch ihren Freund Thomas nicht, mit dem sie in einem Reihenhaus am Rande Nürnbergs wohnt, 140 Quadratmeter, mit einem kleinen Garten. Claudia Pflug will innerlich vorbereitet sein, wenn sie mit anderen über die Kündigung spricht, sie will sich schon einer Lösung nähern. Nie hat sich Claudia Pflug ihren Optimismus kaputtmachen lassen, und sie nimmt sich vor, dass auch der deutsche Arbeitsmarkt dazu nicht imstande sein soll.
„Bald habe ich wieder Arbeit, bestimmt“
Erst am Abend erzählt sie Thomas von ihrem Rausschmiss. Er weiß, was eine Kündigung anrichten kann. Thomas ist fast zwanzig Jahre älter als seine Freundin, Vertriebsleiter in einer Nürnberger Firma, zuständig für Personal. Dem Unternehmen geht es nicht gut, und Thomas muss vielen Leuten kündigen. Bis zum Jahresende wird er acht Niederlassungen seiner Firma „auflösen“ müssen. Manchmal weinen Menschen, wenn sie sein Büro verlassen, manchmal beschimpfen sie ihn. Führungskräfte, die er entlässt, müssen sofort ihren Dienstwagen abgeben. Er bietet ihnen an, sie nach Hause zu fahren. Einmal bittet ein gekündigter Büroleiter, den er zu Hause absetzen will, Thomas noch zu sich herein, in das Einfamilienhaus, für das sich der Büroleiter hoch verschuldete. Die Kinder spielen im Wohnzimmer, zu seiner Frau sagt der Büroleiter: „Das ist Herr Köster. Er hat mich gerade entlassen.“ Thomas weiß nichts zu entgegnen und verabschiedet sich hastig.
Als Thomas von der Kündigung seiner Freundin erfährt, flucht er laut. Eigentlich wollen sie am nächsten Morgen zum Wandern nach Berchtesgaden aufbrechen, aber sie verschieben die Abreise. Claudia Pflug beginnt, Bewerbungen zu schreiben, bis tief in die Nacht. „Ich suche ein neues berufliches Wirkungsfeld“, beginnen ihre Briefe, und sie enden mit dem Satz: „…und freue mich über eine Einladung.“ Hervorragende Arbeitszeugnisse fügt sie hinzu, und in ihrem Lebenslauf steht: Studium der Heil- und Behindertenpädagogik in Zittau/Görlitz, stellvertretende Geschäftsstellenleiterin einer Firma für Personalentwicklung in Leipzig, Assistentin der Geschäftsleitung im Nürnberger Ingenieurbüro, Projektleiterin Anlagenbau. Später wird sie eine Eintragung hinzufügen müssen, die jeder Personalchef gleich versteht: „Neuorientierung“. Arbeitslos.
Als sie mit ihrem Freund schließlich ins Auto steigt und sich in Richtung Berchtesgaden aufmacht, ruft Claudia Pflug vom Handy aus Kunden ihres bisherigen Arbeitgebers an und erkundigt sich nach offenen Stellen. Sie erreicht den Leiter einer Firma für Abwassertechnik in der Nähe von Halle, der sie vor Monaten erfolglos abzuwerben versuchte. Jetzt aber antwortet er: „Nein, Frau Pflug, Sie haben Westluft geschnuppert. Sie würden bei uns nicht lange bleiben.“
Claudia Pflug ist trotzdem guter Dinge. Ihren Freundinnen erzählt sie: „Am 1. November habe ich wieder Arbeit.“ Später sagt sie: „Am 1. Dezember, ganz bestimmt.“ Sie ist jung, gut ausgebildet und schon beruflich aufgestiegen. Sie würde in eine andere Stadt ziehen, um einen Job zu kriegen. Sie würde Abstriche beim Gehalt hinnehmen. Sie denkt, sie habe in der Nürnberger Vier-Millionen-Statistik nichts verloren. Sie denkt, ihre Situation sei ein Missverständnis, das sich schnell aufklären werde.
Genau wie Claudia Pflug würden die meisten Arbeitslosen auf Lohn verzichten, um eine neue Stelle zu bekommen, ihren erlernten Beruf aufgeben oder wechselnde Arbeitszeiten in Kauf nehmen. Aber sie würden nicht ihren Wohnort verlassen. Das ergab eine Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (siehe auch Grafik auf Seite 31).
Noch zählt Claudia Pflug zu einer Minderheit in der Nürnberger Statistik. Akademiker werden nicht so oft arbeitslos wie Angestellte ohne Hochschulabschluss. Im Schnitt lag die Arbeitslosenquote im vergangenen Jahr bei zehn Prozent – gegenüber knapp vier Prozent bei den Akademikern. Aber die Zahl der Hochschulabgänger ohne Job steigt schneller als die der anderen Arbeitslosen.
Jede Wirtschaftskrise kostet Arbeitsplätze in Deutschland, und nach jeder überstandenen Krise werden weniger Arbeitslose eingestellt – wie eine auslaufende Welle im Meer, die am Strand kaum noch spürbar ist. Seit gut zwanzig Jahren ist das so, seit der ersten heftigen Arbeitskrise in der Bundesrepublik. Damals schuf der Staat Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, ABM, die heute als sinnlos gelten, weil der Staat gemerkt hat, dass man Arbeit zwar teuer beschaffen, aber nicht teuer verkaufen kann. Damals jedoch glaubte man noch, Arbeitslosigkeit sei eine leicht heilbare Krankheit, ein Infekt der sozialen Marktwirtschaft. Damals ahnte man nicht, dass Arbeitslosigkeit eine Seuche des deutschen Kapitalismus würde.
Früh steht sie auf und bewirbt sich
Als Claudia Pflug im Arbeitsamt eine Wartenummer zieht, klingelt ihr Handy. Monteure auf Baustellen, die Claudia Pflug bislang geleitet hat, erkundigen sich nach Material. Sie beantwortet die Fragen und sagt dann, dass sie eigentlich nicht mehr zuständig sei. Sie muss jetzt lernen, sich um sich selbst zu kümmern. Es geht ihr nicht schlecht, zumindest klagt sie nicht. Rund 1100 Euro Arbeitslosengeld, ein finanzieller Ruin sähe anders aus.
Um halb acht steht sie morgens auf, weil sie den Rhythmus nicht verlieren will, den sie hatte, als sie noch arbeitete. Sie bewirbt sich bei der Fachhochschule Nürnberg, einer TÜV-Akademie, bei Audi, Strabag, Hochtief, Bilfinger & Berger, Ruhrgas, Ikea. Sie schreibt und schreibt. Vergeblich. „Wir hoffen, dass Sie unsere Entscheidung bei Ihrer Suche nach einem Arbeitsplatz nicht entmutigt“, antwortet Audi. „Bei der Wahl Ihres nächsten beruflichen Schrittes wünschen wir Ihnen viel Erfolg“, antwortet Ruhrgas. „Werfen Sie einfach einen Blick in den Ikea Katalog. Da vergeht die Zeit wie im Flug“, antwortet Ikea.
Claudia Pflug beschließt umzusatteln, als Pharmareferentin will sie künftig arbeiten. Sie kauft sich Bücher über Toxikologie, legt Karteikarten an und notiert darauf Worte wie „endoplasmatisches Retikulum“. Aber die Pharmafirmen wollen sie nicht. In der Industrie- und Handelskammer erfährt Claudia Pflug von einem Weiterbildungskurs zur Pharmareferentin, aber das Arbeitsamt, das früher massenhaft Umschulungen zahlte, will für die Fortbildung nicht aufkommen. Nur noch selten finanziert die Behörde heute solche Maßnahmen.
Claudia Pflug versucht, die vielen freien Tage zu genießen. Oft steht sie vor dem Regal ihres Freundes Thomas und nimmt ein Buch heraus, das sie noch nicht kennt. Ein Tag reicht jetzt für einen dicken Roman. Sollte sie das Lachen verlernen, würde die Wartezeit unerträglich, und deswegen sucht sie nach einem Sinn, der von den Absagen ablenkt, die morgens der Briefträger bringt. Claudia Pflug fährt oft zum Brombachsee in Mittelfranken, setzt sich auf den aufgeschütteten Damm, hört die Schwäne schreien, betrachtet den Himmel und sieht sich satt an ausfransenden Wolken. „Wie könnte ich auffallen?“, fragt sie sich auf dem Heimweg.
An einem Nachmittag im Dezember ruft Thomas an und macht nicht viele Worte. „Bitte hol mich ab, Claudia. Ich muss meinen Wagen hier stehen lassen.“ Es liegt in der Logik der vergangenen Monate, dass am Ende auch Thomas entlassen wird, nachdem er all seine Leute entlassen hat. Es gibt nichts mehr für ihn zu tun. Das Angebot, sich vom Chef nach Hause bringen zu lassen, schlägt er aus, weil er weiß, dass der Chef während der Autofahrt nach sanften Worten tasten würde, aber keine finden könnte, die in dieser Lage sanft klängen. Thomas kennt die miserablen Geschäftszahlen und sagt: „Ich kann ökonomisch verstehen, warum man mich nicht mehr will. Ich hätte mich auch entlassen.“
Manager, einfache Angestellte, Arbeiter – jeden kann es treffen, jederzeit. Kaum jemand kann sich sicher fühlen, egal, wie gut er ist, egal, wie viel er leistet. Das ist das neue Merkmal des bekannten Unglücks Arbeitslosigkeit. Unternehmerisches Denken lernen viele Mitarbeiter in Firmen inzwischen, und deswegen macht ihnen eine Kündigung besonders zu schaffen. „Sie denken in den Bahnen eines Arbeitgebers und schreiben sich selbst eine Mitschuld an ihrem Schicksal zu“, sagt der Berliner Soziologe Martin Kronauer, der seit langem über Arbeitslosigkeit forscht. „Früher, bei Massenentlassungen in der Industrie, konnten sich die Betroffenen solidarisieren und gemeinsam auf die Konzernspitze schimpfen. Das hat den Arbeitslosen geholfen. Sie konnten die Schuldfrage von sich wegschieben.“
Auch Arbeitgeber wissen, dass ein Mitarbeiter schuldlos geht, wenn die Zahlen der Firma nicht stimmen. Trotzdem – je länger die Phase ohne Job dauert, desto mehr erhärtet sich in den Köpfen der Personalchefs die Unterstellung, dass ein Bewerber nichts tauge, und nur, weil ihn noch niemand eingestellt hat. Der Soziologe Kronauer sagt: „Arbeitslosigkeit wird zu einem persönlichen Makel, für den man persönlich gar nichts kann.“
Für die Älteren kann es sehr schnell aus sein. Stärker als in anderen westeuropäischen Ländern neigen Unternehmen in Deutschland dazu, sich mit jungen Leuten zu verstärken, statt auf die Erfahrung der Älteren zu setzen. Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland ist vor allem die Arbeitslosigkeit der Älteren (siehe Grafik). Aber wann ist man alt? Personalchefs glauben: von Mitte vierzig an.
Claudia Pflugs Freund Thomas ist 46 Jahre alt, als er seinen Job verliert. Der Vordruck, den er im Arbeitsamt ausfüllen soll, gibt ihm sieben Zeilen Platz für seinen beruflichen Werdegang. Sieben Zeilen für zwanzig Jahre. Thomas ist außer sich vor Wut. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat er immer wieder wechseln müssen. Verwaltungsdirektor war er, selbstständiger Berater, pädagogischer Leiter, Vertriebschef. Probezeit, freie Mitarbeit, Kündigung, befristete Verträge – an das Auf und Ab der neuen deutschen Arbeitswelt hat er sich gewöhnen müssen. Jetzt aber gerät er in Panik.
„Claudia, die Kosten müssen runter“
„Wer weiß, ob ich wieder was finde“, sagt er, „Claudia, wir müssen handeln. Die Kosten müssen runter.“ Die beiden verabschieden sich von ihren Nachbarn in der Nürnberger Reihenhaussiedlung und ziehen nach Wassermungenau, in ein abgeschiedenes fränkisches Dorf, wo die neue Wohnung im Dachgeschoss nur 500 Euro Miete kostet, halb so viel wie im Reihenhaus. Dem Vermieter erzählt Claudia Pflug: „Ich sehe mich gerade nach einer neuen Stelle um, und mein Freund ist selbstständig.“ Die beiden geben kein Geld mehr für Bücher oder Wein aus, Lebensmittel kaufen sie nur noch in Discountmärkten, und sie kündigen Versicherungen.
Gemeinsam schreiben sie Bewerbungen. Gemeinsam schauen sie sich die Absagen an. Zehn, zwanzig, fünfzig Absagen. Sie hören auf zu zählen. Es gibt Tage, an denen Thomas zu verzweifeln droht. „Werfen Sie einfach einen Blick in den Ikea Katalog. Da vergeht die Zeit wie im Flug“, schreibt Ikea diesmal an ihn. „Sicher werden Sie eine Ihren Vorstellungen entsprechende Stelle finden, dafür viel Erfolg“, schreibt die Stadt Offenburg. „Aufgrund des Auswahlverfahrens ist die Entscheidung bei der Besetzung der o. g. Stelle auf einen anderen Bewerber gefallen“, schreibt die Stadt Oberhausen. „Ich hasse diesen Filz in der öffentlichen Verwaltung“, sagt Thomas, „die schreiben Jobs aus, für die sie intern längst jemanden ausgeguckt haben.“
Gemeinsam joggen Claudia und Thomas, fast jeden Morgen. Oft laufen sie an einem Kanal entlang, eine halbe Stunde, manchmal eine ganze. Sie sprechen nicht miteinander und spüren nur ihren Herzschlag. „Wir laufen vor etwas weg“, denkt Thomas. „Keine schlechte Zeit für unsere Beziehung“, denkt seine Freundin. „Claudia kriegt bestimmt eine Stelle. Aber ich?“, denkt Thomas. „Ich will Claudia auch nicht ständig mit meiner Angst belasten.“ Zu Hause zieht Thomas sich immer öfter zurück und starrt schweigend an die Decke. Manchmal weint er, selten. „Hoffentlich kriegt Thomas eher einen Job als ich“, denkt Claudia Pflug, „er bricht sonst zusammen.“ Nie spricht sie diesen Gedanken aus.
Abends reden die beiden, kochen, essen, trinken, lesen, schreiben, bis um zwei in der Nacht. Der Abend ist eine Entschädigung für den Tag, und deswegen dehnen sie diese wertvollen Stunden. Der Abend darf kein Ende nehmen, denn am nächsten Morgen schiebt der Postbote wieder Absagen in den Briefschlitz. Claudia und Thomas gelingt es nicht mehr, früh aufzustehen. Sie beginnen zu begreifen, dass der Lebensrhythmus eines Arbeitslosen nicht aus Verwahrlosung entsteht, sondern aus Angst vor der Zukunft.
„Warum fahrt ihr nicht jetzt nach Namibia?“, fragen Freunde. „Ihr habt doch Zeit.“ Seit Jahren schon wollen Thomas und Claudia auf einer Farm in Namibia Urlaub machen, Antilopen schießen oder Warzenschweine. Die Jagd ist ihre gemeinsame Leidenschaft. Immer haben sie die Reise verschoben, weil Thomas wieder einmal in der Probezeit war oder wieder einmal einer seiner befristeten Arbeitsverträge auslief. Die beiden besitzen Ersparnisse, aber auch diesmal sagen sie die geplante Reise ab. Nicht einmal zum nahe gelegenen Schießstand gehen sie mehr. Sie wollen sich nicht das Gefühl vorgaukeln, dass alles in Ordnung sei. Hobbys begeistern Menschen, deren Freizeit kostbar ist. Die Freizeit von Claudia und Thomas jedoch ist nichts als eine bedrohliche Lücke in ihrem Leben.
Mit Freunden und Verwandten treffen sich die beiden nur noch selten. „Gibt’s was Neues?“, wollen die Eltern wissen, und plötzlich ist diese Frage sehr speziell gemeint. „Bewerbt ihr euch denn auch regelmäßig?“, erkundigen sich Freunde. Claudia und Thomas können diese Fragen nicht mehr hören. Thomas meint: „Die anderen, die Arbeit haben, glauben insgeheim, dass mit uns etwas nicht stimmen kann. Die ängstigen sich vor den dunklen Seiten des Lebens und machen an einem bestimmten Punkt zu.“ Nur eine Freundin, die schon sehr lange arbeitslos ist, besuchen Thomas und Claudia ziemlich oft. Die Freundin langweilt sich nicht, wenn die Gespräche unentwegt um Bewerbungen kreisen.
„Exklusion“ nennen Forscher diese Erfahrungen. Ausschluss aus der sozialen Gemeinschaft. „Arbeit ist mehr als nur Arbeit“, urteilt der französische Soziologe Robert Castel, „und damit ist Nichtarbeit auch mehr als nur Arbeitslosigkeit.“ Nichtarbeit heißt Statusverlust und Vereinzelung, weil man in Deutschland nur „drin“ ist, wenn man Arbeit hat, und ohne die ist man „draußen“. Dass sich das Ideal von der Arbeitsgesellschaft in den Köpfen der Bürger einmal auflösen würde, wie Sozialwissenschaftler vor zwanzig Jahren vorhersagten, war ein gewaltiger Irrtum. Wer arbeitslos ist, fühlt sich von Menschen umzingelt, die eine Stelle haben.
Arbeitslosigkeit ist unsichtbar geworden, weil sie „in die eigenen vier Wände kriecht“, wie der Soziologe Heinz Bude von der Universität Kassel sagt. Das Kollektiv einer Firma, in der sich ein Angestellter aufgehoben fühlt, wird für einen entlassenen Angestellten durch nichts gleichwertig ersetzt. Das einzige, übrig gebliebene Kollektiv, das noch ein wenig trösten kann, ist „die Generation“, sagt Bude. Die Generation der 30-Jährigen, 40-Jährigen und 50-Jährigen – die Kinder der deutschen Vollbeschäftigung, erwachsen gewordene Kinder, die heute um ihre Arbeitsplätze fürchten.
Thomas und Claudia liegen gemeinsam am Ufer des Brombachsees, als sich im Frühling die Tage erwärmen. Phantomjäger der Bundeswehr malen weiße Striche in den blauen Himmel. „Die wollten mich auch nicht“, denkt Claudia. In einer Kaserne hat sie sich beworben, nachdem die Bundeswehr in einer Zeitungsanzeige gelockt hatte: „Du willst Zukunft?“ Ein kurzes Praktikum absolvierte sie in der Kaserne der Kleinstadt Roth, im ABC-Schutzanzug lief sie herum, und die Offiziere waren von ihrem Engagement begeistert. In dem Absagebrief des Personalamtes steht: „Besondere Verwendungen im Truppendienst, denen ein Studium der Heilpädagogik als Vorbildung entsprechen würde, sind nicht definiert.“ Claudia Pflug ruft dort an und beteuert, sie habe schon sehr unterschiedliche Aufgaben gemeistert, aber sie hört erneut: „Heilpädagogikstudium. Damit können wir Sie hier nicht einordnen.“ – „Ich dachte, ich sei flexibel“, antwortet Claudia Pflug verärgert.
Bald gilt sie als schwer vermittelbar
In einer Jagdzeitschrift geben Claudia und Thomas eine Anzeige auf: „Wir, Jäger, sportlich, Akademiker, mit Management- und Auslandserfahrung, suchen vielseitige Herausforderung im In- und Ausland.“ Im afrikanischen Malawi kümmerte sich Claudia Pflug während des Studiums ein halbes Jahr lang um Aids-Waisen. Sie spricht Englisch, ein Auslandsjob schreckt sie nicht. Auf die Annonce meldet sich niemand.
Nur noch selten wird Claudia Pflug zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Das Theaterspielen hängt ihr ohnehin zum Hals raus. „Warum bewerben Sie sich bei uns?“, fragen die Personalchefs. „Weil ich ein modernes Unternehmen suche“, antwortet Claudia Pflug pflichtschuldig und sagt still zu sich selbst: „Weil ich arbeitslos bin, verdammt.“ Nach jeder neuen Bewerbung schauen Claudia und Thomas in den Atlas, suchen den Ort der Firma und malen sich aus, wie herrlich man dort leben könne – vielleicht sogar gemeinsam. Das wäre großes Glück.
Bevor die SPD im Juni vergangenen Jahres der Agenda 2010 zustimmt, die eine Beschneidung des Sozialstaats und einen härteren Umgang mit Langzeitarbeitslosen vorsieht, gibt Thomas sein SPD-Parteibuch zurück. Seit sechs Monaten ist er ohne Job, Claudia seit acht Monaten. Werden daraus zwölf Monate, gelten sie als langzeitarbeitslos, ihre Chancen sinken dann dramatisch, und sie würden – wenn für sie schon die neuen Hartz-Gesetze gälten – das so genannte Arbeitslosengeld II erhalten, das nicht höher ist als der Sozialhilfesatz. Wütend schreibt Thomas an die SPD-Bundestagsfraktion: „Ich empfehle Herrn Schröder und Herrn Clement einen Besuch der öffentlichen Sauna, damit sie aus dem Elfenbeinturm der Politik hautnah die Situation auf dem Arbeitsmarkt erfahren.“
Wochen später bekommt Thomas einen Job als Vertriebsleiter im Rheinland. „Ein Feuerwerk“ wollte er vor Freude entzünden, wenn er jemals eine Stelle kriegen sollte, aber er ist schweigsam und nachdenklich. Seinen neuen Chef kennt er schon lange, oft hat Thomas mit ihm telefoniert und sich bei ihm angeboten. „Entwürdigend“ fand er das. „Ich bin traurig“, sagt er, „dass am Ende nicht meine Qualifikationen zählen, sondern meine Kontakte.“ Thomas zieht in ein Hotel am Rhein, weit weg von Wassermungenau, wo Claudia Pflug ihre freundlichen Briefe jetzt alleine formuliert. Zehn Monate ist sie bald arbeitslos. Zwei Monate mehr, und sie würde, im Alter von 28 Jahren, zu einem ernsthaften „Vermittlungsproblem“.
Aber dazu kommt es nicht, weil das Arbeitsamt im fränkischen Weißenburg ihr Ende Juli schreibt: „Ich freue mich, Ihnen folgende Arbeitsstelle vorschlagen zu können: Tätigkeit Arbeitsvermittler/in, Betriebsart Arbeitsamt.“ Langzeitarbeitslosen soll Claudia Pflug künftig Jobs vermitteln, den schwierigsten „Kunden“, die – gemäß den Hartz-Gesetzen – von Januar 2005 an mit deutlich weniger Geld auskommen und schon heute jede Stelle annehmen müssen. Claudia Pflug freut sich riesig über das Angebot und greift sofort zu, öffnet bei ihrer Vermittlerin im Arbeitsamt ausgelassen eine Flasche Sekt und sagt: „Jetzt bin ich bei Ihnen.“ Zwar verdient die neue Kollegin Pflug im Amt netto etwa so viel Geld, wie dieses Amt vorher der Arbeitslosen Pflug zahlte, gut 1100 Euro. Aber sie kann etwas bewirken, für sich und für die „Kunden“.
Sie verdankt ihre neue Stelle dem Umstand, dass mehr und mehr Menschen dauerhaft ohne Job sind. Jeder dritte Arbeitslose bleibt inzwischen länger als ein Jahr in der Nürnberger Statistik. Aber der Staat denkt um und will Langzeitarbeitslose nicht mehr nur verwalten. Der Staat will ihnen Mut machen und sie zugleich antreiben. Der Staat ist jetzt auch Claudia Pflug.
Sie hat es von nun an mit Menschen zu tun, die längst sind, was sie selbst zu werden drohte. Es ist, als könne sie in einer Glaskugel Bilder einer Zukunft sehen, der sie nur knapp entkommen ist. Claudia Pflug zieht in ein graues Büro am Ende eines hellen Korridors, bekommt nach und nach 60 Aktenmappen hereingereicht, 60 Fälle, 21 Erwachsene, 39 Jugendliche, schlecht ausgebildet, reich an persönlichen Problemen. Für den richtigen Arbeitsmarkt eignen sich die wenigsten, die meisten sollen notgedrungen „gemeinnützig arbeiten“, als Gärtner oder Hilfsarbeiter.
„Ich wäre fast auf derselben Stufe angekommen wie ihr“, denkt Claudia Pflug über manche Arbeitslose, aber da ist ein gewaltiger Unterschied. Etliche wollen nicht für wenig Lohn arbeiten und haben sich aufgegeben. Zu unmotivierten „Kunden“ sagt sie: „Viele Menschen müssen unter ihrem Niveau arbeiten.“ Die Arbeitslosen ahnen nicht, dass die Vermittlerin mit diesem Satz auch sich selbst beschreibt. „Überleg doch mal“, sagt sie den Jungen, „wenn du diesen Job nicht machst, hast du bald gar nichts mehr.“ – „Beweg deinen Arsch“, würde sie einigen am liebsten sagen, aber sie schweigt und denkt: „Ich bin nicht die Missionarin, die denen eine andere Einstellung beibringen will.“ Auch um sich selbst muss sich Claudia Pflug kümmern. Ihr Arbeitsvertrag ist befristet und endet im November, und sie schaut sich wieder nach neuen Stellen um. Vorsorglich hat ihr das Amt schon jetzt einen Brief geschickt. „Damit Ihnen Ihr Arbeitslosengeld nicht gekürzt wird, müssen Sie sich 3 Monate vor Ablauf des Arbeitsverhältnisses persönlich beim Arbeitsamt arbeitsuchend melden.“ Es hört nicht auf, die Lücken im Leben rücken in Sichtweite, die wunden Punkte bleiben wund.
Auch der neue Job ihres Freundes Thomas ist befristet, bis Juli. Und wieder muss er Angestellte entlassen. Das gehört zu seinen neuen Aufgaben. 15 Verkäufer hat er schon rausgeworfen. „Hart im Nehmen sind diese Leute“, sagt Thomas. Das macht ihm die Arbeit leichter. Niemanden hat er weinen sehen, noch nicht.
Nächste Woche im Leben
- Datum 05.02.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 05.02.2004 Nr.7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






