leben in deutschland, (19) Wie man in Deutschland arbeitslos istSeite 7/7

Sie verdankt ihre neue Stelle dem Umstand, dass mehr und mehr Menschen dauerhaft ohne Job sind. Jeder dritte Arbeitslose bleibt inzwischen länger als ein Jahr in der Nürnberger Statistik. Aber der Staat denkt um und will Langzeitarbeitslose nicht mehr nur verwalten. Der Staat will ihnen Mut machen und sie zugleich antreiben. Der Staat ist jetzt auch Claudia Pflug.

Sie hat es von nun an mit Menschen zu tun, die längst sind, was sie selbst zu werden drohte. Es ist, als könne sie in einer Glaskugel Bilder einer Zukunft sehen, der sie nur knapp entkommen ist. Claudia Pflug zieht in ein graues Büro am Ende eines hellen Korridors, bekommt nach und nach 60 Aktenmappen hereingereicht, 60 Fälle, 21 Erwachsene, 39 Jugendliche, schlecht ausgebildet, reich an persönlichen Problemen. Für den richtigen Arbeitsmarkt eignen sich die wenigsten, die meisten sollen notgedrungen „gemeinnützig arbeiten“, als Gärtner oder Hilfsarbeiter.

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„Ich wäre fast auf derselben Stufe angekommen wie ihr“, denkt Claudia Pflug über manche Arbeitslose, aber da ist ein gewaltiger Unterschied. Etliche wollen nicht für wenig Lohn arbeiten und haben sich aufgegeben. Zu unmotivierten „Kunden“ sagt sie: „Viele Menschen müssen unter ihrem Niveau arbeiten.“ Die Arbeitslosen ahnen nicht, dass die Vermittlerin mit diesem Satz auch sich selbst beschreibt. „Überleg doch mal“, sagt sie den Jungen, „wenn du diesen Job nicht machst, hast du bald gar nichts mehr.“ – „Beweg deinen Arsch“, würde sie einigen am liebsten sagen, aber sie schweigt und denkt: „Ich bin nicht die Missionarin, die denen eine andere Einstellung beibringen will.“ Auch um sich selbst muss sich Claudia Pflug kümmern. Ihr Arbeitsvertrag ist befristet und endet im November, und sie schaut sich wieder nach neuen Stellen um. Vorsorglich hat ihr das Amt schon jetzt einen Brief geschickt. „Damit Ihnen Ihr Arbeitslosengeld nicht gekürzt wird, müssen Sie sich 3 Monate vor Ablauf des Arbeitsverhältnisses persönlich beim Arbeitsamt arbeitsuchend melden.“ Es hört nicht auf, die Lücken im Leben rücken in Sichtweite, die wunden Punkte bleiben wund.

Auch der neue Job ihres Freundes Thomas ist befristet, bis Juli. Und wieder muss er Angestellte entlassen. Das gehört zu seinen neuen Aufgaben. 15 Verkäufer hat er schon rausgeworfen. „Hart im Nehmen sind diese Leute“, sagt Thomas. Das macht ihm die Arbeit leichter. Niemanden hat er weinen sehen, noch nicht.

Nächste Woche im Leben

 
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