Columbia, South Carolina

Die Geschichte von Verne Smith, das ist ein Lebensbogen von acht Jahrzehnten, darin eine bemerkenswerte Wende. Und sie ist, im Grunde, die Geschichte des alten Südens. Sie berichtet von der Emanzipation der Schwarzen und vom Machtverlust jener, die diese Emanzipation durchzusetzen halfen. Sie berichtet, wie aus einer Bastion der Demokraten eine Festung der Konservativen wurde.

Verne Smith wohnt am Peachtree Drive inmitten der Reste jenes Pfirsichhains, den sein Großvater anlegen ließ. Sein Haus, besser: sein Anwesen, liegt im Örtchen Greer auf der Kuppe eines Hügels. Von hier aus kann man tief hineinschauen in jene Landschaft, die einst das Zentrum von Plantagenökonomie und Sklavenhaltergesellschaft bildete. Heute blüht statt der Obstwirtschaft rundherum der christliche Fundamentalismus, und mittendrin lässt BMW Autos montieren.

Eine Tonne von Mann öffnet die Tür und lässt sich sogleich in einen Ledersessel fallen. Über seinem Kopf hängt das Bild eines Generals, der für Smith "das Ideal des guten Soldaten im Krieg" ist. Wenn Smith vom "Krieg" spricht, meint er den Bürgerkrieg, jenes epochale Schlachten um den Fortbestand der Sklaverei, das im Süden bis heute nicht vergessen und nicht verwunden ist. Das Bild über Smiths Kopf zeigt den kommandierenden General der Konföderierten, der Südstaaten-Armee. Nach dessen Werten, sagt Smith, "versuche ich zu leben".

Im Sessel sitzt der Mann, der den Machtwechsel von Demokraten zu Republikanern in South Carolina vollendet hat. Seit 32 Jahren ist Smith Senator im Landesparlament, davon 29 Jahre lang für die Demokraten. Sein Parteiwechsel verhalf den Republikanern 2001 zur Parlamentsmehrheit, der ersten seit dem Bürgerkrieg. Jahrzehntelang war South Carolina ein Einparteienstaat – wie der ganze Süden. Präsident Franklin Roosevelt, ein Demokrat, erhielt hier bis zu 95 Prozent der Stimmen. Die Wende zu den Konservativen begann 1964, als der stramm rechte Präsidentschaftskandidat Barry Goldwater den weißen Widerstand gegen die neuen Bürgerrechtsgesetze in einem offen rassistischen Programm bündelte und eine Welle von Parteiübertritten auslöste. Richard Nixon gelangte mit dem nur leicht verschleierten Ressentiment seiner "Southern Strategy" an die Macht. Ronald Reagan errang erstmals große Mehrheiten für die Republikaner und erzeugte die nächste Welle von Übertritten.

George Bush, der natürlich keine Rassentrennung mehr propagiert, aber mit Raffinesse ein paar belastete Code-Wörter in seine Reden streut, ist der Lumpensammler dieser historischen Bewegung. In seine Amtszeit fällt die dritte, kleinste Übertrittswelle. Die Mehrheit der Ämter bis hinein in die Kommunen ist nun an die Republikaner gefallen. Zuletzt haben im Süden 70 Prozent der weißen Männer für George Bush gestimmt. Binnen 43 Jahren gelang es nur einem demokratischen Präsidentschaftskandidaten, Jimmy Carter nämlich, in South Carolina die Mehrheit zu erringen. George Bush hat dagegen alle elf Staaten der alten Bürgerkriegs-Konföderation gewonnen. Vieles deutet darauf hin, dass es ihm im Herbst noch einmal gelingen wird. John Kerry, der neue Hoffnungsträger der Demokraten, hat bei South Carolinas Vorwahlen am Dienstag sogar gegen einen Parteifreund deutlich verloren.

Als Verne Smith in jungen Jahren zu den Demokraten stößt, tut er das nicht "wegen großer Prinzipien", sondern weil es zu jener Zeit "keine andere Partei" gibt. In der Selbstwahrnehmung ist Smith schon immer ein Moderater gewesen. Er fühlt sich als Patriot und hat sich freiwillig zur Armee gemeldet. Er hasst übertriebene amerikanische Selbstkritik, besonders in Zeiten des Krieges. Aus dem Glauben schöpft er die Verpflichtung, Bedürftigen zu helfen. Spinnerte Ideen von Nordstaaten-Linken waren ihm schon immer so fremd wie den meisten Weißen von South Carolina: Als höchstes Zeichen der Freiheit gilt es hier, eine Waffe zu tragen; die Todesstrafe ist ein moralisches Gebot und Abtreibung nicht nur eine Entscheidung der Frau; in die Schule gehört das Schulgebet, und die Ehe bindet Mann und Frau, nicht Homosexuelle. Wie vielen Südstaaten-Traditionalisten ist ihm die Bundespartei zu urban, zu säkular, zu links. Auf dieser Basis führt der Weg direkt von den Demokraten zu den Republikanern.

Bei Smith dauert der Wechsel länger als bei vielen anderen, weil ihm das mehr oder weniger offene Ressentiment vieler Südstaaten-Republikaner missfällt: Sie hätten nach 1964 nur Stimmen hinzugewonnen, weil sie "die Rassen auseinander halten wollten". Das findet Smith absurd. In der Sklaverei sieht er "den größten Fehler der amerikanischen Geschichte". Er ist der erste Senator im Landesparlament, der eine schwarze Sekretärin einstellt. Als ein örtlicher Busunternehmer vor den Schwarzen die Toilette verschließt, öffnet er seine. Smith erlebt, wie seine Partei immer dunkler wird. 30 Prozent der Menschen in South Carolina sind schwarz. Bei der Vorwahl am Dienstag ist rund die Hälfte der Wähler schwarz gewesen. Noch höher ist der Anteil schwarzer Parteifunktionäre. Die Demokraten gelten inzwischen als schwarze Partei. Die republikanische Fraktion im Landesparlament ist dagegen rein weiß. Mag die Segregation in der Gesellschaft gescheitert sein, in der Politik ist sie durchgesetzt.