Filmverrückt Der Kinogänger

Die Berlinale hat begonnen. Doch für manche Menschen ist das ganze Jahr Filmfestival: Sie gehen jeden Tag ins Kino. Warum nur? Fragen an einen Cineasten

Herr Lehmacher, Rückblende: Wie kam es dazu, dass Sie irgendwann anfingen, fast jeden Tag ins Kino zu gehen?

Das war vor zehn Jahren. Mit Anfang zwanzig bin ich von Bonn nach Paris gezogen, um dort als Fotograf zu arbeiten. Ich hatte damals schon eine Filmleidenschaft. Aber in Paris habe ich dann die französische Kinokultur entdeckt. Kino entsprach nicht nur dem Bedürfnis, unterhalten zu werden. Es war Teil des Lebens. Die Kinos, die ich besuchte, waren Programmkinos, in die man geht, wie man ins Museum geht, auch tagsüber. Die Vorstellungen begannen um elf, zwölf Uhr. Das waren Orte der Auseinandersetzung, ohne Bonbon-Geraschel. Von den großen Regisseuren konnte man ständig Retrospektiven sehen. Bergman, Godard, Tarkowskij, Pasolini. Es war eine ganz neue Intensität für mich. Ich ging fast jeden Tag, manchmal in mehrere Filme, soweit es das Geld erlaubte. Ein wichtiges Kino war die Cinématheque, wo die Nouvelle Vague ihren Anfang genommen hat und auch andere gesessen haben, die irgendwann selbst Filme gemacht haben, Wim Wenders zum Beispiel.

In Bertoluccis »Die Träumer«, der zurzeit im Kino läuft, geht es um einen jungen Mann, der 1968 nach Paris kommt und dort zum Cineasten wird: Der Amerikaner Matthew besucht auch dauernd die Cinématheque. Zusammen mit zwei Franzosen versinkt er so tief in seiner Fantasiewelt, dass die politischen Unruhen beinahe unbemerkt an ihm vorüberziehen.

Die Frage der Flucht stellt sich natürlich immer wieder. Wenn man sich in diesen dunklen Raum setzt, entzieht man sich. Das Neue für mich war aber gerade, wie intensiv das Kino das Leben beschreiben kann und dass der Zuschauer herausgefordert wird. Godard ließ zum Beispiel in Die Geschichte der Nana S. in einer Szene Nana mit dem Philosophen Brice Parain über die Funktion der Sprache sprechen. Er gab lineare Handlung auf, um Texten und Reflexionen über das Leben Platz zu machen. Oder Satan Tango von Béla Tarr. Eine grandiose kinematografische Reise. Man teilt in einer stillgelegten ungarischen Kolchose mehrere regnerische Tage mit Menschen, die eigentlich nur auf Erlösung warten. Der Film nimmt sich auf langen Kamerafahrten viel Zeit, sodass man tief eindringt in den Raum und die Charaktere. Er dauert siebeneinhalb Stunden.

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Wie viel Platz hat das Leben noch im Leben, wenn Sie fast jeden Tag ins Kino gehen?

In Paris habe ich die Leidenschaft mit meinem besten Freund geteilt. Wir machten die Entdeckung des ernsthaften Kinogehens gemeinsam.

Und die Liebe? Es dürfte nicht einfach sein, wenn man fast jeden Abend belegt ist.

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