Arnstadt, 6. Februar 2004
Franz Müntefering hat noch kein einziges Wort gesagt, da bekommt er schon warmen Beifall. Die Genossen im Saal applaudieren, ein paar stehen auf, einige greifen, als er vorbeimarschiert, nach seiner Hand, schütteln sie, schauen ihm strahlend ins Gesicht. Freitagabend im thüringischen Arnstadt. Gerade sechs Stunden ist es her, dass Gerhard Schröder auf einer Pressekonferenz in Berlin verkündete, dass er den Vorsitz der SPD abgibt und Müntefering sein Nachfolger werden soll. Und schon lässt sich besichtigen, dass es die richtige Entscheidung war.

Der Thüringer Landesvorsitzende Christoph Matschie, der in ein paar Monaten eine Landtagswahl gewinnen will, begrüßt Müntefering im Bürgerhaus von Arnstadt mit einer kurzen Rede. Ungewöhnlich deutlich lässt er erkennen, wie sehr die Partei auf einen neuen Vorsitzenden gewartet hat: Matschie bekundet „unseren Respekt, aber mehr noch, unseren Dank“ für die Entscheidung. Der heutige Tag sei „ein neuer Anfang, eine neue Chance“. Kaum sichtbar lächelt Müntefering, hat nur den rechten Mundwinkel leicht hochgezogen. Er sitzt in einem roten Sessel auf der Bühne, die Hände gefaltet. Mit Genugtuung schaut er auf die gut 300 Genossen im Saal. Es mag stimmen, dass er das neue Amt nicht angestrebt hat. Aber nun, da er es bekommt, scheint er sich damit sehr wohlzufühlen.

Aus ganz Thüringen sind die Leute gekommen, haben zwei, zweieinhalb Stunden im Auto gesessen. Seit Wochen ziehen die Spitzen der SPD über Land, um bei der Basis für die Regierungspolitik zu werben. Auf der Einladung für diesen Abend hatte noch der Parteivorsitzende Gerhard Schröder gestanden. Bei ihm wollten die Thüringer ihren Frust loswerden. Stattdessen ist Franz Müntefering gekommen. Und ihm gelingt es, das Berliner Durcheinander zu erklären. Er vermag den Genossen zu vermitteln, wieso etwa die Verkürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes erstens keine soziale Katastrophe ist und zweitens unvermeidlich.

Müntefering findet die richtige Mischung aus Selbstkritik, Hartnäckigkeit und dem Blick fürs große Ganze, für die Grundwerte, fürs sozialdemokratische Herz. Wie niemand sonst in der Parteiführung verkörpert er das Umlernen der alten SPD. „Meine Generation hat gedacht, Wachstum ist ein Naturgesetz“, ruft er in den Saal. Über Jahrzehnte habe man Wohltaten übers Volk gestreut. Heute gebe Hans Eichel 18 Prozent seines Haushaltes für Zinsen aus. „Das kann man so nicht weiter machen.“ Sonst gebe es wirklich irgendwann unsoziale Einschnitte. Irgendwie leuchtet das den Genossen unten an den langen Tischen ein.

Er spricht eine Sprache, die die Leute verstehen. Seine Sätze sind kurz. Er benutzt Bilder aus dem Fußball – und immer wieder seine eigene Lebensgeschichte. Die veränderten Erwerbsbiografien erklärt er an sich selbst: Er habe mit 14 angefangen zu arbeiten und Sozialbeiträge zu zahlen. Wer tue das heute noch. Er wisse noch, wie er 1956 mit dem Handwagen in den Wald gezogen sei, um Holz zu sammeln zum Heizen; heute dagegen – und auch noch nach der Agenda 2010 – bekomme jeder Sozialhilfe. Oder wie er kein Abitur machen konnte, weil seinen Eltern das Geld fehlte und er dann „sah, wie mich andere überholten, deren Väter das dickere Portmonnaie hatten“. Das sind sozialdemokratische Erzählungen, wie sie auch Gerhard Schröder liefern könnte, er kommt aus ähnlich kleinen Verhältnissen. Aber der hat immer wieder gesagt, Pathos könne er nicht.

Lange klatschen die Genossen am Schluss der Rede. Müntefering tritt an den Rand der Bühne, streckt beide Daumen in die Höhe. Fast ist es beängstigend, wie messianisch die Partei auf ihren neuen Vorsitzenden reagiert. Der Ortsvorsitzende von Arnstadt sagt: „Franz, ich glaube, dass Du der richtige Mann bist. Ich will Dich unterstützen.“ Ein Redner nach dem anderen überschüttet Müntefering mit Dank. Jemand anders bittet, die Bundesregierung möge sich nicht "von den traditionellen Bedenkenträgern aus der Bahn werfen" lassen.

Natürlich gibt es auch Widerspruch. Der Verdi-Landeschef kritisiert Münteferings Rede als „zu glatt“. Ein Herr im roten Pullover polemisiert gegen die „unermesslich Reichen“. Müntefering holzt zurück: „Du hast mir keine Sekunde zugehört!“ Es sei ein „Irrglaube, dass es viele, viele Multimillionäre in diesem Land gibt, denen man nur was wegnehmen muss, und dann wird alles gut“. Sogar dafür bekommt Müntefering Applaus. „Ihr fordert Geld für alles Mögliche. Nein! Die Kassen sind leer! Wir müssen erstmal dafür sorgen, dass es neues Wachstum gibt!“ Er appelliert an den Zusammenhalt der Genossen, an die Solidarität. Und das kommt an. „Wenn jemand in eine Pfütze fällt, dann kann man ihm entweder aufhelfen. Oder man stellt sich vor eine Fernsehkamera und fragt: Wie sieht der denn aus?“