In Washington gaben sich die Bushisten gar keine Mühe, ihr Unverständnis über den Besuch Prinz Charles’ im Iran zu verhehlen. Charles hätte nicht gehen sollen, meint David Frum, der als Berater und Redenschreiber von George Bush die Welt mit dem Ausdruck "Achse des Bösen" beglückte. Ausgerechnet jetzt, da die Mullahs um Ayatollah Khamenei die Reformer im Lande verschaukelt und die anstehenden Wahlen zur Farce machten, werte der Besuch von Charles das Regime in Teheran auf.Das ist ein Einwand, der sich nicht so ohne weiteres beiseite wischen lässt. Sieht man von der Bereitschaft des Iran ab, Inspektoren in seine Atomanlagen hineinzulassen, haben die Machthaber in Teheran nicht sehr viel getan, um Anerkennung zu verdienen. Ausgerechnet in dieser Woche, die der Prinz für seinen iranischen Ausflug erkor, fungieren die Mullahs auch noch als Gastgeber eines Gipfels der Terroristen, bei dem sich so garstige Organisationen wie Hisbollah, Islamischer Jihad, Hamas und Ansar al Islam ein Stelldichein geben. Auch in Großbritannien werden Stimmen laut, die dem Prinzen vorwerfen, er werte durch seine Reise eine religiöse Tyrannei dazu noch zu dem denkbar schlechtsten Zeitpunkt auf.Offiziell hält 10 Downing Street sich aus der Debatte heraus, wäscht die Hände in Unschuld und verweist auf den "humanitären" Charakter der prinzlichen Visite. In der Tat kletterte Charles über die Trümmer von Bam, jener iranischen Stadt, die im Dezember durch ein Erdbeben schwer verwüstet worden war und in der 40000 Menschen ums Leben kamen. Als Patron des britischen Roten Kreuzes kann der Thronfolger in der Tat auf den humanitären Charakter seines Besuches verweisen, mit dem er zugleich eine neue Welle der westlichen Hilfsbereitschaft auslösen will.Doch in Wahrheit wäre Charles ohne den Segen der Regierung weder in den Iran gereist noch vorher zu britischen Truppen in Basra oder, zum Abschluss seines Trips, nach Saudi Arabien. Die Charles Tour passt blendend ins außenpolitische Konzept der Regierung Blair. Großbritannien mag für die iranischen Fundamentalisten, die derzeit den 25. Jahrestag der islamischen Revolution des Ayatollah Khomeini begehen, der "kleine Satan" sein, an der Seite des großen Teufels Amerika. Doch anders als Washington verfährt London nach dem Prinzip, dass es besser ist im Gespräch zu bleiben als den Faden ganz abreißen zu lassen.Amerika muss mit den Machthabern in Teheran immer noch mittels Demarchen über die diplomatische Vertretung der Schweiz kommunizieren. London dagegen konnte, allein oder im Rahmen der EU, den Kontakt halten und kann gegebenenfalls, wenn man es für opportun hält, gar einen blaublütigen Sonderbotschafter wie Charles entsenden. Der Besuch des Prinzen wird auch in der islamischen Welt sehr viel stärker wahrgenommen als die Visite irgendeines Diplomaten oder auch Ministers.Es passt ins Bild, dass fast zeitgleich der lybische Außenminister in 10 Downing Street auftauchte und Tony Blair seine Absicht bekanntgab, noch in diesem Jahr den lybischen Führer Ghadafi zu treffen, der einst zu den schlimmsten Bösewichten der Welt gehörte. Auch hier ist man in Washington alles andere als glücklich über den britischen Alliierten.Was Tony Blair sicherlich gerne in Kauf nimmt, unterstreicht es doch die Eigenständigkeit des britischen Weges, die in wie außerhalb Großbritanniens gerne angezweifelt wird nach dem irakischen Waffengang des Landes an der Seite Amerikas. Großbritannien verfährt mit schwierigen Staaten nach dem Prinzip "critical engagement", man versucht sie aus der Kälte hereinzuholen, wenn es irgend geht. Zugleich ist man jedoch bereit, auch die Peitsche anzuwenden, wenn das Zuckerbrot allein nichts nützt. Wie im Falle des Irak geschehen.Nach dem Fiasko mit den unauffindbaren Massenvernichtungswaffen des Saddam Husseins unterstreicht der Besuch des Prinzen den positiven Fallout des Regimewechsels in Bagdad: Allen voran die Tatsache, dass es gelang, erst den Iran und dann, sehr viel überzeugender und weitgehender, Libyen zur Kooperation in Sachen Massenvernichtungswaffen zu bewegen. Ein Umstand, der in der öffentlichen Debatte über den Irak zumeist übersehen oder bewusst übergangen wird. Wie auch die Fortschritte im Irak selbst, die in den Medien kaum jemals registriert werden. Prinz Charles mag glauben, schrieb der Guardian, er sei nur auf einer humanitären Tour. Wenige nur würden diesen Glauben teilen.