Die Explosion in der Moskauer Metro hat gleichsam die Aorta der russischen Hauptstadt getroffen. Ohne seine U-Bahn würde das politische und wirtschaftliche Zentrum Russlands zusammenbrechen. Die vermutlich tschetschenischen Attentäter demonstrierten mit grausamer Berechnung, wie verletzlich das System ist. Vier Terrorakte durch Selbstmordattentäterinnen haben Moskau in den vergangenen acht Monaten erschüttert. Sie töteten russische Bürger und zielten auf den Staat und Präsident Wladimir Putin.Doch der Anschlag auf die Moskauer Metro ist dem Präsidenten kurzfristig eher hilfreich. Statt eines destabilisierenden Effekts führt er in der Bevölkerung zur Solidarisierung mit Putins Politik der Härte im Kaukasus. In der aufgeheizten Atmosphäre begrüßen sogar viele derer, die sonst dem Krieg in Tschetschenien apathisch oder ablehnend gegenüberstehen, eine militärische Lösung. Die Erbarmungslosigkeit, mit der russische Truppen und tschetschenische Polizeieinheiten ihrerseits die Zivilbevölkerung terrorisieren, bleibt dabei unbeachtet. Sie dringt nicht mehr in die staatlichen Medien der "gelenkten Demokratie" vor und scheint den meisten angesichts der Bilder zerrissener Bombenleichen sowieso vernachlässigbar.Putin hatte 1999 mit dem tschetschenischen Feldzug und dem Versprechen, die Terroristen "bis auf die Toiletten" zu verfolgen und vernichten, sein politisches Image geformt. Die Terroristen leisten ihm nun, fünf Wochen vor der Präsidentschaftswahl, erneut passende Wahlkampfhilfe.Auf lange Sicht aber werden sich die Attentate für Russlands Politik als fatal erweisen. Im neuautoritären Regime Putins ist alles auf den Präsidenten ausgerichtet: die Zustimmungsmaschine des Parlaments ohne nennenswerte Opposition, der domestizierte Föderationsrat, die De-facto-Einheitspartei, die Gouverneure und politischen Beamten in den einzelnen Regionen. In den vergangenen vier Jahren hat Putin die Allgewalt an sich gerissen – und trägt nach seiner wahrscheinlichen Wiederwahl die Verantwortung für alles.Am vergangenen Freitag verkündete er als Reaktion auf die Explosion in der Moskauer Metro, die Terroristen würden vernichtet. Das verspricht er schon seit vier Jahren und bevorzugt bei der Wahl der Waffen große Kaliber. Der tschetschenische Krieg gegen die eigene Bevölkerung hat die Kaukasusrepublik verheert. Der Kreml versucht, mit gesinnungslosen Statthaltern die "Polizeiaktion" endgültig in einen tschetschenischen Bürgerkrieg umzuwandeln. Doch das Morden wird dort so oder so als aus Moskau befohlener Genozid empfunden und verleiht den Leidtragenden und Kämpfern in ihrer Wahrnehmung das Recht auf blinde Gegenwehr bis in die Hauptstadt der Kriegsbefehle.Die Gewalt kehrt auch mit Zehntausenden von Soldaten und Polizisten nach Russland zurück und infiziert eine Gesellschaft, die sich eigentlich nach der Hochrüstung und Militarisierung der Sowjetzeit zivilisieren sollte. Der notwendige Diskurs über Tschetschenien verstummt zwischen politischen Kraftsprüchen und vorabendlichen Fernsehserien, die das kaukasische Soldatenleben im patriotischen Landsergenre als Vaterlandsdienst verharmlosen.Weltweit verkauft der Kreml den Kriegszug unter dem modischen Label des "Kampfes gegen den internationalen Terrorismus" und verdeckt so, dass der Konflikt auf den Unabhängigkeitsdrang der Tschetschenen zurückgeht. Erst der gnadenlose Krieg hat dem radikalen Islamismus ermöglicht, wie eine Schmarotzerpflanze Wurzeln zu fassen. Mittlerweile erhalten islamistische Kreise auch in anderen russischen Republiken arabisches Geld und immer mehr tschetschenischen Zulauf, je hoffnungsloser die Lage in der zerstörten Republik wird.Wenn die bisher unerschöpfliche Verehrung der Bevölkerung für ihren Terroristenjäger Putin angesichts weiterer Attentate eines Tages in eine umso bitterere Enttäuschung umschlägt, ist die Stunde der Hetzer und Brandstifter gekommen. Sie suchen schon jetzt das russische Heil im "Ausnahmezustand", in der "Ausweisung aller Verdächtigen" und der "Todesstrafe". Die gelenkte Putinsche Demokratie wird sich dann als natürliche Vorstufe eines rechtspopulistischen Regimes erweisen, das mit dem Schlachtruf "Ordnung" loszöge, um die Feinde Russlands nun wirklich, gnadenlos, für immer und ewig auszumerzen. Bis das Vielvölkerreich in der Zentrifuge der Gewalt auseinander fällt.