Ob der Rücktritt Gerhard Schröders vom SPD-Parteivorsitz bereits den Anfang vom Ende seiner Regierungszeit markiert, ist noch nicht ausgemacht. Mit dem braven und eisernen Parteisoldaten Franz Müntefering an der Spitze könnte in der Partei noch einmal so etwas wie ein neues Gefühl der Heimeligkeit aufkommen. Und sei es nur, weil der knorrige Führungsstil des neuen Chefs nostalgische Reminiszenzen an die Zeiten aufkommen lässt, als die Partei - Wehner seligen Angedenkens - noch eher einer disziplinierten Weltanschauungsarmee oder einer säkularisierten Kirche glich als einer fehlbaren demokratischen Partei.

Ob die Notkonstruktion - Schröder bekommt den Rücken frei für weitere unpopuläre Reformen, Müntefering hält die auseinanderbröckelnde Partei mit einer Kombination aus Knuteschwingen und reichlichem Verströmen sozialdemokratischen Stallgeruchs zusammen - dem maroden Regierungsbündnis auf längere Sicht Halt bieten wird, darf aber angezweifelt werden. Denn die Debatte um Personen und ihre Führungsqualitäten verdeckt ein viel tiefer liegendes Problem: Die SPD weiß nicht mehr genau, wofür sie da ist. Die Klage, dass Schröder sie nicht genügend "mitzunehmen" wisse, übertönte die nackte Existenzangst, die die Partei nicht zu Unrecht überfallen hat.

Die SPD hat geglaubt, sie könne das Land reformieren, ohne sich selbst von Grund auf zu verändern. Das konnte nicht gut gehen - denn die Sozialdemokratie als Synonym für den Gleichklang von wirtschaftlichem Fortschritt, individuellem Wohlstand für alle und sozialer Gerechtigkeit qua Umvereteilung war das ideologische Herzstück des "Modells Deutschland", von dem sich ihre Mitglied- und Wählerschaft nun nur unter größten Schmerzen trennen kann. Der Schock darüber, dass diese Harmonisierung der gesellschaftlichen Widersprüche nicht mehr durchzuhalten ist, entlädt sich in Zorn, der sich in voller Wucht gegen die SPD richtet. Es ist, als fühlten sich die Deutschen um ein historisches Versprechen betrogen, das die Sozialdemokratie ihr einst gegeben hat. Die SPD hätte ihrem Volk rechtzeitig sagen müssen, dass sie es nicht mehr halten kann.

Dazu, und um den Reformprozess glaubhaft angehen und vermitteln zu können, hätte sich die Partei aber selbst zunächst einmal innerlich von alten Illusionen befreien müssen. Gerhard Schröder, der dies wohl schon lange wusste, hat es versäumt oder war nicht dazu in der Lage, ihr dies klar zu machen. Im Glaubensstreit darum, ob die Sozialdemokratie ihre Zielvorstellung "demokratischer Sozialismus" aus dem Parteiprogramm streichen soll, hat die weltanschauliche Krise einen symbolischen Ausdruck gefunden. Ohne dieses transzendente Fernziel jenseits der Alltagspolitik eines endlosen Trial and Error wäre die Sozialdemokratie nur noch eine ganz normale linksbürgerliche Partei, ohne die Gewissheit einer geschichtlichen Sendung. Münteferings Vermittlungs- und Disziplinierungskünste werden kaum ausreichen, um die Sozialdemokratie im Schnelldurchgang zu lehren, mit dieser Ernüchterung zu leben. Was die SPD jetzt eigentlich dringend bräuchte, wäre ein innerer Klärungsprozess, in dem der schwelende Richtungsstreit offen ausgetragen und in dem Trauerarbeit geleistet werden kann über das Ende eines hundertfünfzig Jahre alten Projekts, das mit dem Begriff Sozialdemokratie verbunden war. Als Regierungspartei kann sich die SPD derartiges jedoch nicht leisten. Verliert sie aber die Macht, droht die verschleppte Grundsatzdebatte in haltlose Selbstzerfleischung umzuschlagen. Unter diesen trüben Umständen wird Franz Müntefering schon Erfolg gehabt haben, wenn er nicht der letzte SPD-Parteivorsitzende war.