München
Das alljährliche Treffen in München, welches seit dem Ende des Kalten Krieges aus Gründen der politischen Korrektheit nicht mehr „Wehrkunde-Konferenz“ heißt, ist für die sicherheitspolitische Gemeinde der Welt so etwas wie das Wasserloch in der Savanne für die Elefantenbüffel. Über drei Tage hinweg wird in der (zu 85 Prozent männlichen) Runde laut getrötet und ziemlich viel Flüssigkeit aufgenommen; Nachrichten werden ausgetauscht, Rüssel- und Stoßzahnlängen diskret verglichen. Manchmal gibt es auch krachende Rempeleien, das meiste ist inszeniert, vieles ist leere Gebärde. Und doch offenbart der Vergleich von einem Jahr zum nächsten immer wieder Neues über die Machtverhältnisse in der Welt der Alphatiere.

Dieses Mal gab es (anders als noch im Vorjahr, nur Wochen vor Beginn des Irakkriegs) keine dramatischen Zerwürfnisse: weder zwischen den Herdenführern von drüben und hüben, noch innerhalb der Hiesigen („alte“ gegen „neue“ Europäer). Nicht, dass irgend jemand Irrtümer eingestanden hätte; aber ansonsten war man bei allen gemischten Gefühlen ersichtlich um sittsames Verhalten und konziliante Töne bemüht.

Irak: Die Amerikaner brauchen dringend Entlastung, politisch wie militärisch, doch sie versichern – wohl wissend, dass bis Ende Juni noch drei Gipfel kommen, auf denen sie die Kollegen aus Europa bearbeiten können – höflichst, dass sie die Nato gerne als Stabilisierungskraft im Irak sähen; keineswegs aber müsse das jetzt sofort entschieden werden! Joschka Fischer war darob so erleichtert, dass er seinerseits versprach, Deutschland werde gegen eine Irak-Mission im Nato-Rat kein Veto einlegen; wenngleich die Bundeswehr nicht dabei sein werde. (Das Versprechen zu halten, dürfte schwierig werden: Die Bundeswehr ist vollständig in das Bündnis integriert, es gibt kaum eine Nato-Einheit ohne Bundeswehr-Offiziere.)

Afghanistan: Bei diesem Thema posaunte der Chor unisono – die Ausweitung der Mission ist die große Bewährungschance für die Nato! Unterschwellig aber war das Unbehagen groß, denn die nächste Rekord-Opiumernte reift schon auf den Feldern, und im Sommer stehen landesweite Wahlen bevor. Andererseits ist den Europäern nur zu bewusst: Wer sich am Hindukusch in die Bresche wirft, hat einen guten Vorwand, bei der nächsten großen Aufgabe nein zu sagen. Und so versprechen sie nun wohl oder übel mehr Soldaten für die afghanischen Provinzen; woher nehmen, wissen derzeit wohl noch die wenigsten. (Wären die versammelten Sicherheitsexperten wirklich Elefantenbullen, bei diesem Punkt hätten sie still und verlegen mit den Ohren gewedelt.)

Naher und Mittlerer Osten:Washington möchte am liebsten die Nato und mit ihr die Europäer auf ein Friedens- und Modernisierungs-Konzept für die Region vom Mittelmeer bis zum Irak verpflichten; Joschka Fischer hielt dem in einer Grundsatzrede entgegen, dass Allianz und EU, das Militärische wie das Zivile, dabei Hand in Hand gehen müssten. Ein tapferer Trompetenstoß – doch es blieb ein Solo, denn die Kollegen aus den anderen europäischen Hauptstädten waren nicht vorgewarnt, nicht einmal die Spitzenbeamten des Bundeskanzleramts waren beteiligt worden. Vor einem Jahr waren es noch Schröder und Chirac gewesen, die die erfahrene Runde mit einer neuen Inspektionsinitiative für den Irak überraschten; diesmal wischte Frankreichs Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie Fischers Vorstoß kühl und knapp beiseite.

Es ist nicht zu übersehen: So schnell die Gemeinschaft der Strategen und Sicherheitspolitiker wieder zum richtigen Ton und zum pragmatischen Miteinander gefunden hat (man hat ja schließlich Übung): Das fein austarierte Machtgefüge, die abgestimmten Codes, die etablierten Kommunikationslinien, alles das ist gründlich aus dem Lot geraten. Darin könnte ein großes Risiko liegen – aber auch eine große Chance zur Neuordnung. Ob die Alphatiere das begriffen haben?