Wie alle guten Geschichten beginnt auch diese mit einer Leidenschaft. Herr Davoud Hassanalian führte ein unscheinbares Leben als Lehrer in dem kleinem Ort Arisman. Es trieb ihn immer wieder in das Umland des Dorfes, über die karge Weidenlandschaft hinauf in die felsigen Karkas-Berge und wieder zurück in die Ebene bis dorthin, wo sie in die Wüste übergeht. Er ging und ging, getrieben von der Leidenschaft, Spuren einer längst vergangenen Zeit zu finden, als die Menschen noch nicht schreiben konnten und gerade damit begannen, dem Boden abzugewinnen, was sie zum Leben brauchten, zum Kriegführen und zum Handeln. Hassanalian war überzeugt, dass hier in Zentraliran noch vieles zu entdecken sei, das Aufschluss geben konnte, wie die Menschheit in früher Zeit gelebt hatte.

Nur wenige Kilometer von dem Dorf entfernt stieß Hassanalian auf mehrere Schlackehalden – nichts als ein paar hundert Quadratmeter große schwarze Flächen. Ein Hinweis, dass hier Metall verarbeitet wurde. Es war Kupfer, wie Hassanalian schnell an der grünlichen Färbung einiger Steine erkennen konnte. Es lässt sich leicht vorstellen, wie er dagestanden haben muss in dieser unwirtlichen Ebene, wie der Wind, der kalt von den Bergen herunterwehte, ihm in die Kleider fuhr und wie in ihm gleichzeitig das Gefühl aufstieg, dass er hier auf etwas Bedeutendes gestoßen war. In ihm loderte die Entdeckerlust.

Hassanalian meldete seine Beobachtung – mehr war es noch nicht – nach Teheran, zu den iranischen Archäologen. Diese nahmen die Nachricht mit Interesse auf. In Arisman lag wahrscheinlich der Schlüssel für eine Reihe von Rätseln begraben. Über die Anfänge der Metallurgie nämlich weiß man bis heute relativ wenig. Sicher ist, dass die Produktion von Kupfer zwischen dem 6. und 5. Jahrtausend begann und dass sie um 4000 vor Christus zu einer regelrechten Industrie geworden war. Wie aber haben die Menschen gelernt, aus Erz Kupfer zu gewinnen? Wie sind sie überhaupt auf die Idee gekommen? Wie haben sie es geschafft, die Öfen auf 1083 Grad zu erhitzen, den Schmelzpunkt für Kupfererz? Wie musste eine Gesellschaft beschaffen sein, damit sie Kupfer auf diesem Niveau produzieren konnte? Und welche Rückwirkung hat die Arbeit auf ebendiese Gesellschaften?

Auf solche Fragen versprach Arisman Antworten, aber die iranischen Archäologen konnten nicht aufbrechen, um sie zu erforschen. Die Zeiten waren nicht danach, damals um die Mitte der neunziger Jahre. Obwohl die iranische Revolution knapp 20 Jahre zurücklag, hatte die Archäologie immer noch einen schweren Stand in der Islamischen Republik Iran. In den Augen der revolutionären Islamisten nämlich verdiente alle Geschichte vor dem Islam nicht den Namen Geschichte. So einfach ist das, und so ist es auch zu verstehen, dass in den ersten Tagen nach der Revolution einige Heißsporne Persepolis zerstören wollten, den Palast der Achämenidenkönige, einem der großen Königsgeschlechter Persiens.

Dazu kam es nicht, aber wer sich mit vorislamischer Vergangenheit befasste, setzte sich dem Generalverdacht aus, ein verkappter Anhänger des gestürzten Schahs zu sein. Verrückt ist das freilich nur auf den ersten Blick. Hinter alldem steht ein Kampf um die Identität Irans. Wie nämlich ist diese zu definieren? Ausschließlich über den Islam oder auch mit dem Begriff der Nation und ihrer vorislamischen Geschichte? Im Kern waren dies hoch politische Fragen. Es ging in anderen Worten um die Macht: Wer sollte sie haben? Der Schah oder die Geistlichen?

Schah Mohammed Pahlevi hatte sich gegen Ende seiner Regierungszeit ganz bewusst in die Tradition der vorislamischen Zeit gestellt. 1971 – acht Jahre vor seinem Sturz – veranstaltete er ein pompöses Fest, um 2500 Jahre persischer Geschichte zu feiern. Er selbst wollte als Nachfolger der Achämeniden gesehen werden, als ein wiedergeborener Kyros der Große gewissermaßen. Eine lächerliche Geschichtsklitterung, ein politischer Versuch, Boden unter die Füße zu kriegen und den damals erstarkenden Mullahs die Definitionsmacht über die Identät des Landes zu entziehen. Der Schah unterlag in dieser Auseinandersetzung, und mit seinem Sturz legte sich der dunkle Schatten der Ideologie auf die vorislamische Geschichte. Die Archäologie war in Iran als Wissenschaft vorerst lahm gelegt.

"Es war lange schwierig, in unserem Land Archäologe zu sein", sagt Sadegh Malek Schamirsadi, "aber heute können wir mit Gelassenheit sagen, dass wir iranische Muslime sind. Also beides gleichzeitig: Iraner und Muslime – das eine schließt das andere nicht aus!"

Sadegh ist der Leiter der Ausgrabungsarbeiten von Sialk, nahe der Stadt Kaschan, 60 Kilometer von Arisman entfernt. Malek leitet nur das Sialk Reconsideration Project, und obwohl er nicht persönlich mit Arisman vertraut ist, verfolgt er es mit großem Interesse, weil es auch Rückschlüsse auf die Grabungsstätte Sialk verspricht. Ja, das Forschungsprojekt Arisman. Zehn Jahre nach der "Entdeckung" der Schlackehalden durch den Lehrer Davoud Hassanalian ist Arisman dazu herangereift. Zehn Jahre, in denen Iran im Inneren einen gewaltigen Reformprozess erlebt hat. Diese Zeit war geprägt durch das Wort des 1996 mit überwältigener Mehrheit gewählten Präsidenten Mohammed Chatami vom "Dialog der Zivilisationen". Für die Archäologen bedeutete dies die Chance zur Öffnung nach außen – in Arisman materialisierte sie sich zum ersten Mal.