Pharmaindustrie Damen am Zug

Zwei Frauen entscheiden über die Zukunft von Aventis und Sanofi

Sie meidet die Öffentlichkeit, Liliane Bettencourt, die reichste Frau Frankreichs. Auch ihre Geschlechtsgenossin Seham Razzouqi aus dem Scheichtum Kuwait hielt sich bisher diskret zurück. Doch ganz werden die beiden Damen ihre Namen nicht aus den Schlagzeilen heraushalten können. Schließlich spielen sie die Schlüsselrolle bei der Schlacht um die Zukunft der europäischen Arzneiindustrie. Viele Arbeitsplätze in Frankreich und Deutschland hängen von ihnen ab.

Der Kampf begann vor drei Wochen, und wie so oft begann er als Machtkampf unter Männern. Jean-François Dehecq, Patron des französischen Pharmakonzerns Sanofi, blies zum Angriff auf den Konkurrenten Aventis, in dem einst die deutsche Hoechst AG aufging. Aventis-Chef Igor Landau wies das Übernahmeangebot entrüstet zurück. Das ist verständlich: Zwar entstünde durch den Deal der drittgrößte Pharmakonzern der Welt, doch auf dessen Chefsessel wäre nur für einen der bisherigen Bosse Platz. Seitdem ringen die zwei um die Macht. Beide sind erfahrene Manager, beide haben schon mehrere Fusionen überlebt, beide gelten als Alphamännchen. Doch diesmal geben nicht die Herren an der Spitze, sondern die Frauen im Hintergrund den Ausschlag.

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Noch in dieser Woche will der Sanofi-Chef mit Seham Razzouqi zusammentreffen. Auch der Aventis-Boss wartet auf ein Gespräch, heißt es in Straßburg. Razzouqi ist die Finanzchefin der Kuwait Petroleum Corporation, der Holding, die die Petrodollar des Scheichtums in der Industrie anlegt und so zum Großaktionär von Konzernen wie BP, DaimlerChrysler und eben Aventis wurde. Die 53-jährige Direktorin sitzt im Aufsichtsrat des Straßburger Arzneiherstellers.

Als Anteilseignerin lehnte Razzouqi das Angebot der Konkurrenz ab, was bei Aventis für Erleichterung sorgte. Allerdings nur kurzfristig. Denn offenbar war Sanofi einfach nicht großzügig genug. Inzwischen beauftragte die Finanzexpertin mit dem MBA-Titel aus den USA nämlich zwei Investmentbanken und sorgte dafür, dass sich herumsprach, unter welchen Bedingungen sie den Deal zu unterstützen gewillt sei.

Schon in der Vergangenheit zeigten die Kuwaitis, dass sie anspruchsvolle Anleger sind. Zwar hielten sie ihren Unternehmen meist über Jahrzehnte die Treue, selbst nach dem Golf-Krieg 1991, als das Land Geld brauchte. Die Fusion von Daimler mit Chrysler begleiteten sie ebenso wie den Zusammenschluss, der zu Aventis führte. Aber sie mischten sich auch immer mal wieder ein und sorgten so als Hauptaktionäre von Hoechst dafür, dass die Fusion mit Rhône-Poulenc schneller und zu besseren Konditionen über die Bühne ging. Damals musste Hoechst-Chef Jürgen Dormann mehrfach nach Kuwait jetten, bis das Scheichtum seine Zustimmung gab. So ähnlich könnte es jetzt wieder kommen, auch wenn an die Stelle des Aufsehers im Beduinentuch vor fünf Jahren eine Aufseherin im westlich-femininen Kostüm trat. Harte Verhandlungen dürfte sie nicht scheuen, schließlich vertritt sie ihr Land schon seit Jahren bei der Opec, in der oft erbittert über Ölförderquoten gestritten wird.

„Sie sieht aus wie eine Lady, aber mit einer Charmeoffensive hat man bei ihr keine Chance“, heißt es im Umfeld von Aventis. Der Respekt vor ihr ist noch gewachsen, seit sie sich kürzlich mit einem amerikanischen Investor über den Verkauf von Kuwaits Anteil an dem Chemieunternehmen Celanese – einem weiteren Hoechst-Nachfolger – einigte. „Wenn die Gegenseite genug Cash mitbringt, sind wir weg vom Fenster“, fürchtet ein Aventis-Mitarbeiter.

Bei der Frage, ob der Konkurrent nun aufstockt, kommt es wiederum auf dessen Aktionäre an. Das sind vor allem der Ölkonzern Total und der Kosmetikhersteller L’Oréal. Total möchte sich von seiner Anlage trennen und kündigte deshalb vor kurzem den Aktionärsvertrag. Die Ölmanager, deren Unternehmen selbst das Produkt einer Übernahme ist, werden nicht lange fackeln. Bei L’Oréal ist man zögerlicher. Das französische Schönheitsimperium verdient sein Geld zwar vor allem mit Haarspray und Lippenstiften, tut aber alles, um sich einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Eine Pharmatochter passte da nicht schlecht ins Konzept.

Und dann ist da noch die menschliche Komponente: Liliane Bettencourt. Die 81-jährige Tochter des Firmengründers von L’Oréal und Witwe des konservativen Politikers André Bettencourt hält nichts von Radikalmaßnahmen. Dass ein Unternehmen ihrer Gruppe etwas so Unfeines wie eine feindliche Übernahme betreiben könnte, war ihr zunächst zuwider.

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