Der Festakt beginnt am Morgen des 25.November 2003 in der südamerikanischen Millionenmetropole Bogotá. Der kolumbianische Staatspräsident Alvaro Uribe verleiht den Blumenzüchtern seines Landes den Nationalen Verdienstorden. Anlass ist das 30. Jubiläum von Asocolflores, dem Verband der Blumenexporteure. Uribe würdigt die "glänzende" Arbeit der 70000 Beschäftigten in den Gewächshäusern und den Jahresumsatz der Branche von 700 Millionen Dollar. Das entspricht etwa fünf Prozent der kolumbianischen Exporte.

Zur gleichen Stunde, etwa 20 Kilometer nördlich der Hauptstadt, sinken plötzlich reihenweise Menschen in einer Blumenplantage bewusstlos zu Boden. Binnen weniger Stunden werden 200 Blumenarbeiterinnen der Plantage Flores Aposentos in einer dramatischen Rettungsaktion mit Pestizidvergiftungen in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert. Es ist einer der größten Chemieunfälle in der Geschichte der kolumbianischen Blumenindustrie.

Bei dem Giftunglück in der Gemeinde Sopó kam niemand ums Leben. Die letzten Pestizidopfer konnten nach einigen Tagen das Krankenhaus verlassen, was nichts daran ändert: Blumenanbau in Schwellen- und Entwicklungsländern ist ein oft hässliches Geschäft.

Aber eben nicht mehr überall. Die Arbeitsbedingungen verbessern sich auf einer wachsenden Zahl von Plantagen, seit deutsche Blumenimporteure, Menschenrechtsorganisationen und Kirchen begonnen haben, sich für ein Gütesiegel einzusetzen. Es heißt Flower Label Program (FLP) und verlangt von den Produzenten, dass sie auf Kinder- und Zwangsarbeit verzichten, Gewerkschaften akzeptieren und die Umwelt schonen.

Derzeit haben 60 Betriebe mit zusammen etwa 15000 Arbeitern und Arbeiterinnen das Siegel erhalten. Es sind Betriebe aus Ecuador, Kenia, Simbabwe, Südafrika und Tansania, seit neuestem auch wieder eine kolumbianische Plantage. Die Einhaltung der Normen wird von den unabhängigen Gutachtern der deutschen Agrar-Control GmbH überwacht.

Das FLP-Label tragen zwar erst vier Prozent der nach Deutschland importierten Schnittblumen. Aber immerhin verkaufen mittlerweile 850 Blumenläden die Stiele mit dem "fairen" Siegel: vor allem sind es Rosen, Nelken, Sonnenblumen und Schleierkraut. In der Ladenkette Blume 2000 zum Beispiel kommen alle Rosen von Plantagen mit dem Gütezeichen, auch wenn das Unternehmen dies nicht offensiv bewirbt. "Jedes Jahr kommen mehr als hundert Geschäfte dazu", sagt Frank Braßel, Vorsitzender der FLP-Initiative in Bonn.

Der weltweite Handel mit Schnittblumen beläuft sich jährlich auf mehr als 30 Milliarden Dollar. Allein die deutschen Haushalte gaben im Jahr 2001 rund 3,2 Milliarden Euro für Tulpen und andere Sorten aus (neuere Zahlen liegen nicht vor), 80 Prozent davon wurden importiert. Vor allem wenn die Blumenzucht in Zentraleuropa wegen des kalten Winters zum Erliegen kommt, ist Hochsaison für die Exporteure in den Tropen. Selbst die Luftfracht über 10000 Kilometer etwa aus Südamerika nach Frankfurt ist immer noch günstiger, als hierzulande Gewächshäuser zu heizen und zu beleuchten. Zudem sind Wasser, Agrarland und die Arbeitskraft in den Entwicklungsländern viel billiger. Ein Grund dafür sind oft minimale Umweltauflagen und ein unzureichender Schutz für die Arbeiter.

Jede dritte Schnittblume auf dem Weltmarkt wächst deshalb in den Ländern am Äquatorgürtel, vor allem Rosen und Nelken. Und Kolumbien ist mit 14 Prozent Marktanteil inzwischen sogar der zweitgrößte Blumenproduzent nach den Niederlanden. Dahinter folgen Kenia, Israel und Simbabwe.

Die Zertifizierung mit dem deutschen Blumensiegel läuft in Kenia und Ecuador am erfolgreichsten. Beispielsweise auf der Plantage Planterra in den ecuadorianischen Anden bei Otavalo. Hier züchten die Arbeiter zurzeit jährlich fünf Millionen Rosen in 26 Variationen. Stolz präsentiert der 40-jährige Agraringenieur Fernando Nuñez an der Wand des Besprechungszimmers neben dem Moskauer Blumendiplom 2002 auch die Urkunde des deutschen Flower Label Program, gezeichnet in "Düsseldorf, 21. November 2001". Die Produktion genügt den FLP-Standards, wie vor kurzem erneut bestätigt wurde. Die Plantage stellt die Arbeiter sogar für gewerkschaftliche Treffen auf Landesebene frei.

Schon 15 Betriebe mit zusammen 8000 Beschäftigten ist es in Ecuador gelungen, trotz höherer Lohnkosten, Langzeitverträgen und Gewerkschaftsfreiheit einen profitablen Rosenanbau von hoher Qualität zu betreiben. Der Clou sei nämlich, so Agraringenieur Nuñez, dass die Rechnung am Ende für die Produzenten aufgehe. Natürlich erhöhe die Blumenzucht unter den Normen des Flower-Labels zunächst die Produktionskosten. In der Umstellungsphase gäbe es auch einen höheren Ausschuss. Doch an anderer Stelle könne man sparen: "Zum einen setzen wir deutlich weniger der teuren Pestizide ein, und zum anderen erhalten wir mit den strengen FLP-Normen weniger Reklamationen von Kunden. Gleichzeitig gibt es für FLP-Blumen weniger Importbeschränkungen als für herkömmliche Blumen, weil die anerkannten FLP-Normen zahlreiche Auflagen bereits erfüllen oder sogar darüber hinausgehen."

Für die meisten der etwa 200000 Arbeiterinnen in Afrika, Asien und Lateinamerika ist der Blumenhandel aber längst nicht so "fair, frisch und fantastisch", wie ihn etwa der Blumenimportverband Hamburg auf seiner Web-Seite preist.

Die Unfallopfer von der Plantage Flores Aposentos in Kolumbien etwa warten noch heute auf eine Erklärung, welche Chemikalie unter welchen Umständen zu der Katastrophe vom November führte. Dabei klagen Plantagenarbeiterinnen in dem Land schon seit Jahren über gefährliche Arbeitsbedingungen.

"In den meisten Plantagen werden Arbeiter durch Kurzzeitverträge zu Niedriglöhnen systematisch ausgebeutet", sagt Aidé Silva, eine von 1000 Arbeiterinnen in der Großplantage La Benilda, dem größten Lieferanten Kolumbiens für den deutschen Blumenmarkt. "Noch schlimmer ist, dass wir nicht genügend gegen die hochgiftigen Pestziden geschützt sind. Häufig leiden Kolleginnen unter Haut-, Lungen- und sogar Nervenkrankheiten." Aidé Silva ist zugleich Präsidentin von Untraflores, der einzigen unabhängigen Gewerkschaft von Arbeitern in der Blumenindustrie ihres Landes.

Die ohnehin wenigen Gewerkschaftsmitglieder in der kolumbianischen Betrieben wurden in der Vergangenheit wiederholt fristlos entlassen und oft trotz gerichtlicher Verfügung nicht wieder eingestellt. Die meisten Blumenexporteure Kolumbiens weigern sich systematisch, Gewerkschafter zu beschäftigen. Kein Wunder, dass in ganz Kolumbien gerade einmal 50 Arbeiterinnen bei Untraflores organisiert sind.

Selbst einer der größten deutschen Blumenimporteure kann daran nichts ändern. Jens Kramer, Geschäftsführer der Firma Florimex GmbH & Co. KG im hessischen Kelsterbach, ist ein Vertragspartner der Plantage La Benilda. In der Vergangenheit versuchte er nach eigenen Angaben mehrfach, seine kolumbianischen Lieferanten zu mehr Arbeits- und Umweltschutz zu bewegen, und warb für die Gewerkschaftsfreiheit. Florimex gehört zu den Initiatoren des FLP-Siegels. Aber "in Kolumbien stoßen wir bei einigen Produzenten leider auf eine ablehnende Haltung, die wir bisher nur unzureichend abbauen konnten", sagt Kramer vorsichtig und ernüchtert. Die Geschäfte mit der Plantage hat er aber nicht eingestellt.

An diesem Fall wird der Interessenkonflikt zwischen Kundenpflege und Menschenrechtsbelangen sichtbar. Er spiegelt sich auch in Äußerungen des Verbandes des Deutschen Blumen-Groß- und Importhandels (BGI) wider – ebenfalls ein Gründungsmitglied des FLP. Einerseits heißt es dort, dass Menschenrechtsverletzungen schlecht fürs Geschäft seien, denn "da Schnittblumen zu über 65 Prozent als Geschenk vermarktet werden, ist es enorm wichtig, dass das Image der Schnittblume keinen Schaden erleidet". Doch nach der Aussperrung von kolumbianischen Gewerkschaftern im vergangenen Jahr befragt, teilte der Verbandsgeschäftsführer des BGI, Henning Möller, schriftlich mit: "Bedauerlicherweise verfügen wir nicht über eigene Informationen zu dieser Thematik." Das erstaunt, da der BGI seit Jahren in regelmäßigem Kontakt zu den kolumbianischen Blumenproduzenten steht und die Gewerkschaftsfreiheit ein wichtiger Bestandteil der FLP-Initiative ist.

Erschwert wird die Arbeit der FLP-Befürworter vor allem dadurch, dass sie bisher in den Niederlanden kaum Unterstützung findet. Der Weltmarktführer, der schon 1637 die erste Tulpenbörse in Alkmaar gründete, baut 56 Prozent aller Schnittblumen an und kontrolliert sogar 70 Prozent des weltweiten Handels.

Derzeit ist es noch so, dass bei Blumen, die über Zwischenhändler aus Holland nach Deutschland kommen, Herkunft und damit Produktionsbedingungen vollends verschleiert sind. Der FLP-Vorsitzenden Frank Braßel hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, "die niederländischen Händler in einen Internationalen Verhaltenskodex des Blumenhandels einzubinden". Unter dem Arbeitstitel Fair Flowers and Plants hat eine Verhandlungsgruppe des internationalen Blumenhandelsverbandes Union Fleurs immerhin schon die inhaltlichen Richtlinien beschlossen. "Sie sind eng an die scharfen Kriterien des FLP angelehnt", sagt Frank Braßel. "Aber bei Finanzierung, Organisation und technischer Umsetzung gibt es noch erheblichen Arbeitsbedarf." Das Projekt kann noch Jahre dauern.