„Mama, ich will nach Hause“
Japan, USA, Kanada und Australien – Austauschschüler erzählen von ihrem Jahr im Ausland und wie sie das Heimweh überwunden haben
Emily Oliver, 19, aus Winsen, lebte ein Jahr lang in der französischsprachigen Stadt Québec in Kanada
Im Rückblick erscheint mir die Zeit in Kanada als ein einziges Gefühlschaos zwischen „Hurra, ich entdecke die Welt!“ und „Mama, ich will nach Hause!“ Am ersten Schultag kam ich mir vor wie Forrest Gump: Im Schulbus wollte niemand neben mir sitzen, und in der Schule fühlte ich mich schrecklich einsam. Nachmittags musste ich mich erst mal bei meiner Gastschwester ausheulen. Aber schon am zweiten Tag lernte ich ein Mädchen kennen, das sich auf einen Austausch mit Deutschland vorbereitete und mich neugierig über deutsche Kultur ausfragte. Sie stellte mich ihrer Clique vor, und bald hatte ich einen festen Freundeskreis. Ich gebe zu, dass ich zuerst auch nicht viel mehr über Kanada wusste, als dass es das Geburtsland von Céline Dion ist. Aber ein Mitschüler vor Ort hat mich doch ernsthaft gefragt: „Sag mal, wer hat eigentlich Deutschland entdeckt?“ Heute bin ich richtig stolz auf mein Auslandsjahr: Ich kann auf Französisch Witze reißen, und ich habe es geschafft, in einer völlig fremden Umgebung Freunde und eine zweite Familie zu finden. Trotz aller Heimwehattacken und Rückschläge: Der Austausch hat mich stark gemacht.
Martin Lindemann, 17, aus Hagen war ein Jahr in Kasakube, Japan
Obwohl ich in Deutschland einen Intensivkurs Japanisch belegt hatte, musste ich mir am Anfang doch mit Englisch helfen – oder zu Stift und Zettel greifen und aufmalen, was ich sagen wollte. Auf dem Schulhof standen in den ersten Tagen alle um mich herum. In der japanischen Ganztagsschule können die Schüler nachmittags verschiedene Klubs besuchen, so habe ich schnell Freunde gefunden. Ich habe Shogi gespielt, das japanische Schach, und im Schulchor war ich Übungsleiter für deutsche Lieder. Wir haben zum Beispiel Beethovens Ode an die Freude oder das Halleluja von Händel gesungen. Weil mich jeder sofort als gaijin, als „Fremder“, erkannte, wurden mir kleine Verhaltensfehler und Verstöße gegen die komplizierten japanischen Höflichkeitsformen verziehen. Später war ich so gut integriert, dass meine Gastfamilie von mir erwartete, dass ich mich wirklich wie ein Japaner benehme und auch so spreche. Bald hatte ich mich so an das leichtere japanische Essen gewöhnt, dass mir schlecht wurde, als wir einmal ein bayerisches Restaurant besuchten – obwohl der Chefkoch angeblich mehrere Wurstdiplome in Deutschland erworben hatte.
Carmen Kätzner, 18, aus Hamburg ist ein Jahr in Houston, Texas, zur Schule gegangen
Zu Anfang hatte ich eine farbige Gastfamilie, die war sehr religiös und leider auch rassistisch. Ich durfte nicht bei Weißen einkaufen. Irgendwann erzählten sie mir beiläufig, eigentlich könnten sie mich nicht finanzieren. Ich habe oft in meinem Zimmer gesessen und geheult. Über zwei Monate war mein Betreuer von der Austauschorganisation nicht erreichbar. Irgendwann bin ich dann geflohen. Eine Freundin aus meiner Schule hat mich abgeholt, als meine Gastfamilie in der Kirche war, und ich durfte bei ihr einziehen. In ihrer Familie habe ich mich dann sehr wohl gefühlt. Die High School war auch gewöhnungsbedürftig: Zum Beispiel brauchte man einen Laufzettel, wenn man aufs Klo wollte. Ohne Zettel in der Hand durfte niemand über den Gang laufen. In den Schulregeln stand, dass man nicht mit Hausschuhen in die Schule kommen dürfe. Erst habe ich gelacht, aber dann sind wirklich Schüler im Pyjama gekommen. Die hatten einfach verpennt, sich umzuziehen. Weil bei mir einiges schief gelaufen ist, musste ich viel selbst organisieren. Heute treffe ich Entscheidungen schneller, und ich weiß: Wenn ich etwas will, muss ich mich auch durchsetzen.
- Datum 12.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.02.2004 Nr.8
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