Schule Nachsitzen und Praxis pauken
Junge Lehrer steigen oft schlecht gerüstet in den Beruf ein. In einem Hamburger Projekt lernen sie, wie sie schwierige Schüler in den Griff bekommen und beim Elternabend bestehen
Sie sollen Deutschlands Schüler aus dem Pisa-Jammertal herausführen und frischen Wind in die Klassenzimmer bringen: die Junglehrer, die in den kommenden Jahren ihre pensionsreifen Kollegen ablösen. Doch dafür sind die Nachwuchspädagogen schlecht gerüstet. Ausgebildet fern der Praxis, stolpern sie in den Berufsalltag. Schnell werden aus Hoffnungsträgern pädagogische Einzelkämpfer nach dem Muster ihrer ergrauten Vorgänger.
Bislang. Denn in Hamburg ist nun zu besichtigen, was bundesweit Schule machen könnte: wie aus Junglehrern Profis statt angehende Frühpensionäre werden.
„Es klappt einfach nicht mit meiner Co-Klassenlehrerin!“, bricht es aus Anne Burger* heraus. Burger teilt sich die Leitung ihrer 7. Klasse an einer Haupt- und Realschule mit einer Kollegin. „Als wir zusammen den Elternabend vorbereitet haben, hatte ich ein gutes Gefühl, aber am Abend selbst hat sie sich ständig in Szene gesetzt. Ich kam mir vor wie der Lehrling.“ Die zierliche 27-Jährige sitzt inmitten einer Runde von zwölf Junglehrerinnen und -lehrern. Der Raum im Landesinstitut für Lehrerbildung ist hell. Blaue Vorhänge umrahmen die großen Fenster. Auf dem grauen Teppichboden ist inmitten des Stuhlkreises ein grünes Tuch ausgebreitet. Auf ihm steht eine Vase mit einem bunten Blumenstrauß.
„Anne, willst du das als Fall heute einbringen?“, fragt Maja Dammann, die die Runde moderiert. „Ach nee“, sagt Anne Burger. „Ich krieg das selber hin. Es geht mir schon viel besser, weil ich das bei euch abgeladen hab.“
„Den Fall“ liefert heute Florian Horn*, 26, schwarze Jeans, schwarzer Pulli, frisch gebackener Klassenlehrer an einer Haupt- und Realschule in einem Problemstadtteil. „Ich kriege einen Schüler einfach nicht in den Griff“, berichtet Horn. „Der pöbelt permanent im Unterricht rum. ,Halt’s Maul, du Schwein‘ ist noch harmlos. Außerdem verweigert er jede Mitarbeit, verlässt ständig den Klassenraum.“
Drei Teilnehmer der Runde nehmen die Rolle des Lehrers, des Schülers und der Mutter ein und versuchen das Problem aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Ein konkreter Rat der Runde ist, ein Elterngespräch zu führen, bei dem auch der Vater anwesend ist. Weil der Junge schon mehrfach Kollegen bedroht hat („Ich schlag dich tot!“), erhält Horn den Tipp, auch die Polizei einzuschalten, den so genannten Cop 4 U, wie der für die Schule zuständige Beamte neudeutsch heißt. „Da sind Ideen gekommen, an die ich nie gedacht hatte, weil ich so gefangen war“, erläutert Florian Horn hinterher. „Die Ratschläge der Kollegen haben mir viel gebracht“, sagt er. Mehr als die des Schulpsychologen etwa, der dem jungen Pädagogen riet, eine Schimpfwort-Strichliste zu führen. „Wie soll ich das machen bei 120 Beleidigungen in 20 Minuten?“
Einmal im Monat, am Donnerstag von 15 bis 18 Uhr, treffen sich Anne Burger und Florian Horn mit ihren Kollegen zur „Austauschgruppe“. Laden Frust ab, muntern sich und die Runde mit Erfolgsgeschichten auf, tanken Kraft für den Unterrichtsalltag. Zwei Jahre lang sind die Junglehrer Dauergast im Landesinstitut für Lehrerbildung. Geleitet werden die zwölf Gruppen von Maja Dammann und fünf Kolleginnen, allesamt erfahrene Pädagoginnen, die in verschiedenen Methoden der Moderation und der Fallberatung ausgebildet sind. Zusätzlich können sich die Teilnehmer individuell coachen lassen. „Gerade habe ich eine junge Kollegin beraten, die Probleme mit ihrem Schulleiter hat“, berichtet Maja Dammann. „Der scheint ein richtiger Kommunikationsverweigerer zu sein. Wir haben regelrecht trainiert, wie sie ihn zu einem Gespräch zwingt.“ Etwa 60-mal ließen sich Junglehrer in den vergangenen anderthalb Jahren derart intensiv beraten. Hinzu kamen 150 kürzere Beratungen. Mehr als 90 Prozent der Berufsstarter stehen in E-Mail-Kontakt zu Dammann und ihrem Team.
Seit dem Sommer 2002 besteht dieses Angebot für alle Einsteiger in den Hamburger Schuldienst. Es wird gern angenommen: Gut die Hälfte der 201 Junglehrer, die im August 2002 starteten, nehmen freiwillig daran teil. Von den 370 Anfängern des Jahres 2003 sind es 169. Und soeben wurden die ersten Teilnehmer des Jahres 2004 im Lehrerbildungsinstitut begrüßt, mit Reden und Brötchen, wie in einem richtigen Unternehmen.
In der freien Wirtschaft hat Maja Dammann denn auch vieles abgeguckt, als sie im Jahr 2001 das Konzept für die Berufseingangsphase entwickelt hat. Sie sprach mit Personalverantwortlichen von Airbus und mittelständischen Unternehmen. „Die gehen sehr sorgsam mit ihren Neuen um“, sagt Dammann. „Wenn ein neuer Mitarbeiter unzufrieden den Betrieb wieder verlässt, rechnen die Firmen mit Kosten von 50000 Euro.“ Sie wälzte Studien zur Lehrergesundheit, traf sich mit Schulleitern und befragte Berufseinsteiger nach ihren Erfahrungen und Wünschen.
Erfahrungen in der Personalarbeit gewann die Gymnasiallehrerin zehn Jahre lang als Schulleiterin einer Gesamtschule. „Die Integration junger Kolleginnen und Kollegen war immer ein wichtiges Thema.“ Dass die 52-Jährige zum Motor des Hamburger Projekts wurde, ist einem Zufall zu verdanken – und der viel gescholtenen Kultusministerkonferenz (KMK). Die setzte nämlich 1998, aufgeschreckt durch das schlechte Abschneiden deutscher Schüler bei der internationalen Schulstudie Timss (Third International Mathematics and Science Study), eine Kommission zur Reform der Lehrerbildung ein. Unter der Leitung des Bochumer Erziehungswissenschaftlers Ewald Terhart empfahl die Kommission eine stärker auf den späteren Beruf ausgerichtete Ausbildung der Pädagogen und identifizierte die entscheidende Bedeutung der Berufseingangsphase für den weiteren Berufsweg. „Man kann Anfänger in den Anfang vom Ende schicken, wenn sie falsche Routinen einüben“, erläutert der Ulmer Pädagogikprofessor Ulrich Herrmann. „Umso fataler ist es“, heißt es im Kommissionsbericht, „dass genau in dieser Phase die jungen Lehrer weitgehend allein gelassen werden.“
Der KMK-Kommission folgte (hallo, Föderalismus!) eine Hamburger Kommission unter Leitung des Zürcher Erziehungswissenschaftlers Jürgen Oelkers. Sie schlug unter anderem eine Neugestaltung der Berufseingangsphase vor.
Der Zufall will es, dass Maja Dammannn nach 25 Jahren Schuldienst im Jahr 2000 ein Sabbatjahr einlegt, den gerade erschienenen Oelkers-Bericht liest – und ihr Thema findet. Zum richtigen Zeitpunkt, denn an den Schulen hat der große Wechsel eingesetzt. 700 Lehrer werden in Hamburg derzeit pro Jahr pensioniert. In fünf Jahren wird ein Viertel der gesamten Lehrerschaft ausgewechselt sein. Ähnlich sieht es in allen alten Bundesländern aus.
„Die Zeit läuft uns davon“, sagt Peter Daschner, der Direktor des Landesinstituts für Lehrerbildung. „Wenn an den Universitäten das Lehrerstudium reformiert wird, spüren wir die Wirkungen erst in ein paar Jahren.“ Deswegen setze er auf die Berufseingangsphase. Auch die Junglehrer sind zufrieden: Mehr als 95 Prozent der Teilnehmer bewerteten in einer anonymen Befragung den Praxisbezug und die Wirkung für ihren Berufsalltag mit „gut“ oder „sehr gut“.
*Namen geändert
- Datum 12.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.02.2004 Nr.8
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