Sinnsuche in der HeideSeite 2/2
Darüber, was sie sich für die Zukunft erhoffen und sich vorgenommen haben, sprechen die Kursteilnehmer mit der pädagogischen Leiterin in Einzelgesprächen. „Das können ganz unterschiedliche Dinge sein“, sagt Badur. „Jemand will sicherer vor einer Gruppe sprechen. Oder fasst den Vorsatz, besser mit den Eltern auszukommen. Oder wünscht sich, ein belastendes Ereignis aus der Vergangenheit zu verarbeiten.“ Schon die Bewerbung sei Teil des Entwicklungsprozesses: In einem Motivationsschreiben sollen die zukünftigen Teilnehmer darlegen, warum sie am Winterkurs Moving Times teilnehmen möchten.
Die Fähigkeit, sicher zu argumentieren, wird auch im Kurs selbst geprobt: In der Übungseinheit „Bewerbungstraining“ sieht sich Nele Jäger, 19, einer vierköpfigen „Auswahlkommission“ gegenüber. Das Gespräch fängt harmlos an. „Warum interessieren Sie sich für diese Stelle?“, sagt der Personalchef, der in Wirklichkeit ein Mitschüler ist. Dann die fiese Frage nach der Lücke im Lebenslauf: „Was haben Sie in diesen Monaten gemacht?“ Nele kommt nicht ins Stottern, die Mitschüler applaudieren. Hinterher schauen sich Kommission und Bewerberin gemeinsam das von einer Videokamera aufgezeichnete Rollenspiel an und werten ihr Verhalten aus.
Der Ernstfall steht dann am nächsten Tag auf dem Programm: „Krieg und Frieden“ heißt das Seminar, zu dem die Winterkursler mit Senioren zusammenkommen, die das Programm vor 50 Jahren absolvierten. Es geht um grundlegende Fragen: Darf man Krieg mit militärischer Gewalt beenden? Wie lässt sich Frieden dauerhaft bewahren? Der Referent, Militärpfarrer Jürgen Stahlhut, erzählt von seiner Zeit mit deutschen Soldaten der internationalen Friedenstruppe im bosnischen Mostar. Dann berichtet er über die Alltagssorgen von Rekruten in Deutschland, über Soldaten, die den Befehlston nicht aushalten und nach dem Wochenende nicht in die Kaserne zurückwollen. Die Kursteilnehmer hören gebannt zu.
Die Ehemaligen erzählen von ihren eigenen Kriegserfahrungen, vom Russland-Feldzug, von Partisanen und abgefrorenen Füßen. Unter den Altschülern entfaltet sich eine theologische Diskussion. „Wenn alle Menschen Atheisten wären, würde es keine Kriege geben“, sagt einer. Wenn alle Menschen ihren Frieden mit Gott machen würden, würde es auch keine Kriege geben, erwidert ein anderer. „Haben die jungen Leute von heute noch Fragen an die jungen Leute von damals?“, fragt der Moderator, Pastor Walter Scheller. Vorerst keine weiteren Fragen. Um 12.45 Uhr gibt es Mittagessen.
- Datum 12.02.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 12.02.2004 Nr.8
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