" Ich sah aus dem Auto in einer Passantenschar, die die Kreuzung überquerte, die geliebte N., mit der ich – einst! seinerzeit! damals! – gut drei Jahre lang die gemeinsamen Wege ging, sah sie über die Fahrbahn schreiten und auf irgendeine Kneipe zuhalten. Ihr Kopf, ihr braun gescheiteltes Kraushaar. Und das ist dieselbe, die ich im Tal von Pefkos auf Rhodos, als wir von verschiedenen Enden des Wegs über die Felshügel einander entgegengingen, so bang erwartet habe, in Sorge, es könne sie jemand vom Wegrand her angefallen und belästigt haben, da sie nicht und nicht erschien am Horizont. Das ist dieselbe Geliebte. Im halben Profil flüchtig erblickt, indem sie dahinging und ich vorbeifuhr. Mir ein unfassliches Gesetz, das so Vertraute wieder in Fremde verwandelt. Verfluchte Passanten-Welt!"

Das Lamento stammt von Botho Strauß, es erschien in einem Band namens Paare, Passanten. Der kleine Text fiel dem Reporter ein, als er den Auftrag bekam, über Paare in Deutschland zu berichten. Steht bei Strauß nicht alles drin? Deutschland eine Wildnis von Fremden, die einander für eine gewisse Zeit paarweise zähmen, um sich dann wieder zu verlieren, zu verdrängen, zu vergessen.

Anthropologen untermauern Strauß´ Text. Es sei nämlich so, behaupten sie, dass die Menschen noch immer funktionierten wie Nomaden in der urweltlichen Steppe. Die seien in überschaubaren Horden unterwegs gewesen, Beute jagend, Früchte sammelnd, Nachkommen aufziehend. Die Paare damals seien nur etwa vier Jahre zusammengeblieben, eben so lange, wie ihr Nachwuchs sich an den Eltern festklammerte. Sobald die Jungen mit der Horde Schritt halten konnten, hätten sich die Paare umstandslos getrennt.

Der Blick in die Vergangenheit der Gattung hat etwas von einer Absolution. Wie soll es denn dauerhaft klappen mit dem Paarsein, wenn wir nicht dafür vorgesehen sind? So stilisieren sich viele als Jäger und Sammler der Liebe, führen Listen über vergangene Verhältnisse, und auf Kinder verzichten sie lieber.

Jeder zweite deutsche Haushalt ist ein Ein-Personen-Haushalt. In 65 Prozent aller Haushalte gibt es keine Kinder. Zwar ist das Paar, die Liebe, noch immer die Glückserwartung der Deutschen: Rund 90 Prozent der befragten jungen Erwachsenen streben eine feste Partnerschaft und Nachwuchs an. Aber die Paartherapeuten und Scheidungsanwälte lauern schon. Fast jeder zweite Deutsche in einer Paarbeziehung geht fremd. Und knapp 400000 Ehen, die jährlich in Deutschland geschlossen werden, stehen rund 200000 Scheidungen gegenüber. So zog der Reporter los, um zu den Umfragen die Gesichter, zu den Zahlen die Wunden zu finden. Er suchte die Lahmen, Versehrten und Verbitterten der verfluchten Passanten-Welt. Aber der Zufall (oder vielleicht die Sehnsucht nach good news) führte ihn in eine andere Richtung.

Er fand Paare, die zusammenhalten. Verschworene im Strom der Passanten. So fragte er nach deren Strategien für die größte Herausforderung, mit der die meisten, die zusammenbleiben wollen, täglich ringen: Wie schafft man das?

Er fand zwei, die im Namen Gottes zusammen sind. Zwei, die ihr Paarsein als Forschung und hohe Kunst verstehen. Zwei, die sich verschwistern. Zwei, die sich als Paar von Geschlechterrollen befreit haben. Und zwei, die in einer großen Familie aufgegangen sind.